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Freitag, 6. März 2026

Tango und Prokofjew: Ein denkwürdiges Mittagskonzert in Stuttgart

Radu Ratoi & Dirigentin Gemma News

Ein denkwürdiges Mittagskonzert das SWR Symphonie Orchester am 5. März in der Liederhalle Stuttgart. Zu hören und zu sehen gab es gleich zwei Debütanten, und um es gleich zu sagen, es war ein Konzert der Extraklasse. 

Zuerst spielte der der Akkordeonist Radu Ratoi aus Moldawien das dreisätzige Konzert "Aconcagua" von Astor Piazolla (1921 - 1992), dem argentinischen Vater des Tango Nuevo. Der Komponist ist zwar durch seine zahlreichen gegen den Strich gebürsteten Tangos bekannt, hat aber auch zyklische Werke, Opern und Konzerte geschrieben. "Aconcagua" ist ein Konzert für Bandoneon (das argentinische, für den Tango charakteristische Knopf-Akkordeon) und Kammerorchester in drei Sätzen: Allegro marcato, Moderao und Presto. Seinen Namen hat das Konzert von dem Berg Aconcagua, mit 6962 Metern der höchste Gipfel der Anden und Südamerikas. Man darf das durchaus auch symbolisch verstehen als Höhepunkt im künstlerischen Schaffen Piazzollas. Vor allem das junge Publikum, hauptsächlich Schüler aus Stuttgart und der ganzen Umgebung, hielt es hier kaum noch auf den Sitzen.

Das Akkordeon, gewählt von den deutschen Landesmusikräten, ist „Instrument des Jahres 2026“. Für Radu Ratoi, der 1998 in Moldawien geboren wurde und heute in Kopenhagen lebt, ist es das „Instrument des Lebens“. Er spielt es seit seinem siebten Lebensjahr, hat so ziemlich alle Preise abgeräumt, die man damit gewinnen kann, und beherrscht das Akkordeon mit atemberaubender Virtuosität. In im Mittelsatz von Piazzollas Bandoneonkonzert konnte er aber auch die leise und lyrische Seite des Instruments auspielen. 

Er liebt es vor allem wegen seiner nahezu unbegrenzten Möglichkeiten und vagabundiert souverän zwischen den Kulturen und Stilen. Daher ist er in allen musikalischen Genres unterwegs: Volksmusik, Klassik, Jazz und Weltmusik. Eine Kostprobe davon gab er in einem furiosen Volkstanz aus seiner Heimat als Zugabe: Ein Wahnsinns-Musiker!

Erstmals am Pult des SWR Symphonieorchesters stand auch die Neuseeländerin Gemma New. Die Komponistin und Dirigentin wurde 1986 in Wellington geboren, hat Physik, Mathematik und erst dann Musik studiert und leitet zur Zeit das New Zealand Symphony Orchestra. Für den zweiten Teil des Konzerts hatte sie die „Symphonie classique“, die  Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 25 von Sergej Prokofjew (1891 - 1953) ausgesucht. Prokofjews sinfonischer Erstling zählt zu dessen populärsten Werken und ist eine Hommage an eine glanzvolle Epoche der europäischen Musikkultur – gespickt mit reichlich Augenzwinkern und Humor. Zwei Anleihen bei barocken Tänzen bringen auch tänzerischen Schwung hinein (im zweiten Satz ein Menuett, im dritten eine Gevotte). Das - und die Kürze von nur 15 Minuten - macht diese Sinfonie des Ukrainers zu einem perfekten Programmpunkt für ein Mittgskonzert. Das SWR Symponie Orchester spielte wie gewohnt auf Weltklasseniveau und hatte an den beiden Gastkünstlern sichtlich seine helle Freude. Das Publikum bedankte sich mit langem, begeisterten Applaus und vielen Bravos.

 

Mittwoch, 4. März 2026

Atemlos wie die Zeit: neue Gedichte von Norbert Sternmut

Norbert Sternmut: "Schattensprung". Lyrik. Geest Verlag, 144 S., 14 Euro
 

Dieses Buch ist keine einfache Lektüre. Der Ludwigsburger Autor und Maler hat seine neuen Gedichte nach "Abschied vom Feuer" (2023) wieder im Geest Verlag für engagierte Literatur veröffentlicht - ein Indiz dafür. 

Generalthema ist diesmal das Springen über den eigenen Schatten; doch es ist unmöglich, über den eigenen Schatten zu springen, ebenso unmöglich wie vor sich selbst davonzulaufen. Nun haben auch anspruchsvolle Dichter nicht das Ziel, sich und die Leser permanent zu überfordern. Vielmehr geht es wohl um die Haltung, es trotz aller objektiven Unmöglichkeit zu versuchen, nicht aufzugeben. Denn wer nicht nach den Sternen greift, wird es bekanntlich auch nie über den Gartenzaun schaffen. Der titelgebende Text "Schattensprung (1)", der wie etliche andere in mehreren durchnummerierten Versionen angeboten wird, heißt es schon konkret: 

"Spring über Ketten,
vermauerte Wände, blinde
Wanderstäbe, Pilgerfahrten,
aus der Enge der Hütten,
der Minen auf den Feldern,
dem Sperrgebiet."

"Bewachte Wachtürme" sind ebenfalls dabei, aufmüpfig nimmt der "angeleinte Gesetze" ins Visier (in Moskau gäbe es dafür schon Arbeitslager), selbstkritisch spart der Wortarbeiter aber "brandbefleckte Redewendungen" nicht aus. Atemlos wie die Zeit, in der wir leben, geht es weiter: keine einfache Sprache mit geradlienigen Sätzen (Subjekt, Prädikat, Objekt, Punkt), sondern ein Stakkato aus Neben- und Teilsätzen im Perfekt, das zur beherrschenden Form wird. Bis zu 20 Mal pro Seite, das kann schon mal ermüdend werden. Aber das macht die Form eben auch schon zum schwierigen Inhalt in schwierigen Zeiten: Der Klimawandel mit Unwettern zeigt sich durch  "abbrennende Waldgürtel, / versickernde Oasen", verdampfende, überfüllte Städte. Er hat es mit Schatten: Schattenplätze fehlen auch in deutschen Städten, das Generalthema wird in allen Schattierungen durchdekliniert, übrigens nicht zum ersten Mal: Sternmuts erster Gedichtband hieß 1989 bereits "Sprachschatten", und 2012 folgte der Band "Schattenpalaver". In "Textwuchs(1-4)" heißt es: 

über öligen Flüssen steigt
die ausgezehrte Dürre
in abgebeizte Hitzetage, 
 
Wortstaub zur Wüste, 
verschleißt zur wertlosen Bühne
für überhitzte Endzeitstücke
... 
 
"Braungebrannt" titelt Sternmut über die hirnverbrannte Renaissance der braunen Pest mit ihren Hetzparolen, Stiefelschritten und Aufmärschen Hakenkreuzfahnen und den wiederbelebten "Massenaufläufen eines verirrten Volkes", dreht eine bekannte Redewendung um: "Den Karren in den Dreck gezogen". 
Das Internet hat uns "die Finger leergetippt", da ist "jeder allein vernetzt", "mit leerem Blick funklöchrig" und "abhängig im Strom verfangen, / suchtgesteuert voller Zuversicht / die Tasten gedrückt, fremd / gesteuert, / weltumfassend allein / mit eingenetzten Zeitgenossen". Einzel- und Detailanalysen ergäben eine Doktorarbeit. Ohne Netz und doppelten Boden landet der Leser im Funkloch, irgendwo im Nirgendwo, unerreichbar und abgehängt oder in der unterbelichteten "Schlammschlacht um Einschaltquoten". Die Wirtschaft, Wachstum, Gier und die verheizten, ruinierten Lebensgrundlagen: "das ganze Programm". In zwei Teilen (Nahaufnahme, Lichteinfall) sind die Gedichte nach dem bildnerischen Prinzip geordnet, das für Fotografie und Malerei eine große Rolle spielt. Da ist es praktisch, wenn man sein eigenes Cover illustrieren kann, schade nur, dass kein Bildnachweis darauf hinweist. Auch das aber ist Inhalt und Zeitkritik und meint unser Verhalten zur allgegenwärtigen Bilder- und Medienwelt:
 
Flut
 
Über Ufer brechen Brücken,
wie entfesselt schwimmen Häuser
in der Flut davon, an Pfeilern
halten sich Opfer, unhaltbar
steigt der Pegel... reißt die Flut
das Leben aus der Verankerung.
 
Keine poetischen Metaphern mehr. Es sind die puren Bilder wie die aus dem Ahrtal, die der Autor so wenig aus dem Kopf bekommt wie wir Leser. Seine Position aber bezieht Sternmut deutlich, vor allem in Texten wie "Einer dieser Tage": Wir alle sind Junkies allgegenwärtigen Medienkonsums mit Smartphone, Tablet und Laptop vom Kinderzimmer bis zum Begräbnis
 
Mit stündlichen Nahrichten
aus Schützengräben, hingerichtet
auf Sendung die ersten Toten
des Tages noch vor Sonnenaufgang,
die neuesten Erschütterungen,
Amokläufe, Hungersnöte, aufbereitet
mit farbigen Bildern aus der Steppe,
sachkundig erläutert, gekonnt ins Bild
gesetzt, bombensicher in Blut
gegossen, aus einiger Ferne 
mit Sprache versetzt, der Täter
in Großaufnahme schießt
...
folgt der Hinweis auf die ausführliche
Sondersendung im Anschluss
noch vor Sonnenuntergang 
 
Kunst als Therapie fällt mir da ein. Maltherapie, Schreibtherapie, Konfrontationstherapie, Einzel- und Gruppentherapie. Norbert Sternmuts oft großformatige Bilder wirken teilweise wie mit dem Besen gemalt, dynamisch und intensiv wie seine Texte. Der Mann arbeitet wie ein Berserker: 34 Bücher hat er veröffentlicht, dazu Beiträge für mehr als 80 Sammelbände. Er schreibt Romane, Theaterstücke, Gedichte, Rezensionen, moderiert und organisiert Lesungen, Vorträge und Arbeitskreise, ist als Sozialarbeiter aktiv.
 
Norbert Sternmut ist ein echtes Multitalent, nicht bloß eine Mehrfachbegabung. Geboren 1958 als Norbert Schmid in Stuttgart, wird er im Erstberuf gelernter Werkzeugmacher, dann Altenpfleger und schließlich Diplom-Sozialpädagoge in Ludwigsburg. Ich habe ihn kennen gelernt in der Villa BarRock, einem soziokulturellen Zentrum in einer etwas heruntergekommenen klassizistischen Fabrikantenvilla hinter dem Bahnhof, bei Veranstaltungen seiner Reihe "Sternmut Literatur Bunt" (SMLB). Seit 2012 gehört er zur Redaktion der Literaturzeitschrift BAWÜLON im Pop Verlag und zusammen mit dem Verleger Traian Pop war er eine tragende Säule der Ludwigsburger Literaturwochen, bis der Stadt das Geld dafür ausging. Seit 1996 bestreitet er Ausstellungen. Kurz: Norbert Sternmut ist eine Institution im Kulturleben der Stadt.
Als Mitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) und des P.E.N.-Clubs, der Künstlergilde Esslingen und der  Deutschen Schillergesellschaft (DSG) ist Sternmut natürlich auch bestens vernetzt.
Dennoch wäre Sternmut nicht Sternmut, gäbe es da nicht manche biografischen Fragezeichen. Wer ist neben einer Kindheitserinnerung an den betrunkenen Nachbarn, der an Silvester seine Kracher mit dem Feuerzeug ansteckte und Raketen am Stil aus Flaschen abschoss, der Schriftsetzer aus dem Gedicht "Umbruch"? Immerhin ist ihm einer der wenigen "normalen" Sätze dieses Buches gewidmet mit Subjekt - Prädikat - Objekt:
 
In der Erinnerung steht der Junge
unsicher in der Druckerei,
selbstvergessen beim Handsatz,
zur Probe für einen möglichen
Lebenslauf unter Brüdern...

Zu den schönsten Aspekten der Entgrenzung, des Über-den-Schatten-Springens gehört der Wind in dem Gedicht "Fahnenlos", der weht
 
unbegrenzt über jeden Zaun,
über jeden Stacheldraht bläst 
der Sturm, braucht es keine Fahne,
steht der Himmel jedem offen,
über unbegrenze Weiten, braucht
es keine Absperrung, Gitter,
keine Kriege, Grenzsteine, Fahnen
auf Halbmast, keinen Fahneneid,
keine Blutfahnen, braucht es
grenzenlose Liebe auf freier Strecke 

Das Thema "Liebe" ist verbal schwierig und kann auch mal schief gehen (Was ist "zur Welt gestapelt"?). Doch es kommt nicht nur als Antithese vor, und wo es glückt, ist es großartig bewältigt wie in "Leuchtmittel" oder "Abgefahren", auch wenn der Titel erst einmal banal wirkt:
 
Mit jedem Atemzug fahre ich ab
auf dich brenne durch, schweife
umher in meinem Kopfsalat falle
durch die Maschen des Gefühls...
 
Da erwartet die Leser ein wunderbares Alltags-Mischmasch des menschlichen Miteinanders statt Gegeneinanders. Ein wichtiges, extrem dichtes Buch. Ich kann diese Lektüre nur wärmtens empfehlen.

Samstag, 7. Februar 2026

Hauptstadtmutti auf Abwegen: Ein Influencer-Roman

Elina Penner: "Die Unbußfertigen", Roman. Aufbau Verlag, Berlin, 352 S., 22,00 € 

Zehn Influencer werden von "Hamlik" für ein Wochenende in ein abgelegenes Herrenhaus eingeladen. Sie haben sich das verdient durch das Erreichen eines höchstmöglichen Rank 10 in welcher Disziplin auch immer. Wer oder was Hamlik ist, eine geheimnisvolle App, eine Online-Plattform oder ein Medienimperium mit dem Schwerpunkt interaktives Fernsehen, bleibt ein Rätsel. Vieles bleibt in diesem Buch ein Rätsel, deshalb ist es so spannend. Jede(r) hat ein komfortables Einzelzimmer. Es gibt jede Menge kostenloses Essen und Trinken, aber weder Telefon, Internet oder Fernsehen noch Personal - bis auf die schweigsame Fahrerin, die mit einem Kleinbus den bunt gemischten Trupp vom Bahnhof abholt und dann verschwindet. Sehr schnell aber ist allen auch ohne Beweise klar, dass sie unentwegt gefilmt werden und dass Hamlik alles weiß, was sie zu verbergen versuchen.

Was als Influencer-Feriencamp beginnt, entwickelt sich schnell zum Kammerspiel über Macht, Schuld, Sichtbarkeit und Selbstinszenierung. Die Welt, in die der Leser hier eintaucht, kennt jede(r) - als Feed, als Kommentar, als Algorithmus. Erzählt wird temporeich, witzig in kurzen Kapiteln, (leider auch mit viel Jargon, unerklärten Fremdwörtern, Denglisch) oft mit dem Fokus auf einzelnen Teilnehmer(inne)n. Los geht´s mit einer Art von Gesellschaftsspiel. In der Diele gibt es für jeden ein beschriftetes Couvert mit Zimmernummer, einem Zettel mit Anweisungen und einem schweren Schlüssel). Nachdem alle ihre Koffer ins Zimmer gebracht und sich frisch gemacht haben, steht auf dem Couchtisch eine Schatulle mit einem Brief und der Aufforderung "Play me".  Die Schatulle enthält eine altmodische Tonkassette, und im Bücherregal findet sich in Recorder dazu. Beim Abspielen ist eine KI-Stimme zu hören:

"Willkommen. Gegen Euch kann keine Anklage erhoben werden, denn was ihr getan habt, ist noch immer nicht strafrechtlich relevant. Moralisch verwerflich sicherlich, aber kein Gericht kann über euch ein Urteil fällen. Ihr  wisst das. Sonst wärt ihr nicht hier. Euer schlechtes Gewissen trifft täglich auf euren Mangel an Schuldbewusstsein. Es ist nicht richtig, was ihr tut, aber es ist nicht genug, um schuldig gesprochen zu werden. Da ihr euch keiner Schuld bewusst seid, muss ich nachhelfen..." 

Und dann übernimmt die KI eine Vorstellungsrunde, die erst richtig neugierig macht. Basti etwa ist ein voyeuristisch und fetischistisch getunter Pädophiler, der sich unter zahllosen falschen Identitäten als Followerin an Kinder und Jugendliche heranmacht, Tänzerinnen und Turnerinnen, und kauft deren gebrauchte Trikots in Online-Shops, die von Eltern betrieben werden.

Juttas wahre Identität kennt ebenfalls niemand. Sie ist Wahrsagerin, weiß als Lady Wisdom angeblich mehr als die Medizin und verkauft oft folgenschwere Ratschläge an leichtgläubige Menschen in Krisen: "In den dunkelsten und unsichersten Momenten des Lebens fragst du erst nach der Kreditkartennummer, dann sagst du ihnen, was ihnen helfen könnte". Ihretwegen haben schon vier Frauen ihre Chemotherapie abgebrochen oder gar nicht erst angetreten. Sie hat ihnen weisgemacht, dass Ihr Krebs nicht echt sei oder dass erst die Chemotherapie sie krank mache. Alle vier sind gestorben.

Yannik rekrutiert mit psychologischen Manipulationen Jugendliche für eine rechtsextreme Partei, die den Rechtsstaat abschaffen will und die Bundesrepublik ablehnt. Dazu isoliert er sie von den Familien und ihren Freunden.

Anny filmt ihre Kinder ohne Einwilligung seit ihrer Geburt und vermarktet die Fotos und Videos ebenso erfolgreich wie rücksichtslos in den "sozialen" Netzwerken. Sie gibt das Geld, das ihren  zwei Kindern gehören sollte, für ihren luxuriösen Lifestyle aus. Eines der Kinder hat durch den Verlust von Privatsphäre eine Angststörung entwickelt, das andere ist wegen des Verdachts auf Schizophrenie in Therapie.

Sergej hat im Schutz der Anonymität mit frauenfeindlichen Kommentaren, infamen Lügen und Beleidigungen dafür gesorgt, dass mehrere Journalistinnen wegen Burnout, Depressionen oder Verfolgungswahn behandelt werden mussten und ihren Rückzug aus dem Beruf angekündigt haben. 

Max ist ein online-Stalker mit Hackerqualitäten. Er manipuliert die Mail-Accounts seiner Ofer, schickt harmlose Nachrichten in ihrem Namen und macht ihnen Angst, ohne dass sie wissen wovor.

Justin nutzt Dating-Apps, um erfolgreiche und einsame Frauen kennen zu lernen. Er manipuliert sie so lange, bis sie vermeintlich freiwillig anfangen, seinen Lebensstil zu finanzieren. Er lügt sie nicht an, erpresst sie nicht und verspricht ihnen nichts, das wäre ja Betrug. Aber der träumt mit ihnen.

Marco und seine Freundin Natalia, genannt Natasch, sind extrem erfolgreiche Fitness-Influencer und haben alle Konkurrenz-Paare durch ausgeklügelte Hetzkampagnen, Gerüchte oder Affären zur Trennung getrieben. 

Klaus ist Deutschlands einflussreichster Online-Kritiker im Bereich Gastro und mit 70 Jahren der älteste. Seinetwegen mussten schon Hunderte von Bars, Hotels und Restaurants schließen. 

Basti, der sich an kleinen Mädchen aufgeilt, bricht noch vor dem Abendessen zusammen, kriegt rote Flecken und bekommt einen Weinkrampf im Angesicht des Zwangs-Outings. Im Gegensatz zu den anderen ist er ich seiner Schwächen bewusst. Er spürt Selbsthass, Scham und Angst, aber auch eine fast absurde Erleichterung.

Nach und nach kippen die anderen ebenfalls, doch nie auf die gleiche Art oder in vergleichbaren Situationen. Und ebenfalls nach und nach verschwinden welche und landen in einem Hamlik-Fernsehstudio. Das Ganze ist eine sehr spzielle Reality-Show mit Familienaufstellung, zuweilen echt gruselig. Die Isolation zwingt die Eingeschlossenen in soziale Basisverhältnisse wie in einer WG. Sie müssen sich mangels Alternativen mit sich selbst beschäftigen, miteinander reden, Kochen, Abwasch erledigen, die Küche aufräumen. So asozial sie auch sonst sein mögen, das klappt schon recht gut. 

Doch als die Gruppendynamik therapeutische Wirkungen entfaltet, zeigt sich auch die naive Grundierung dieser Konstruktion. Im wirklichen Leben würden zwei Tage digitaler Detox wohl kaum reichen, um solche kaputten Typen zu resozialisieren. Das Ganze ist eben ein Märchen und will auch gar nicht so tun, als wäre es mehr. Trotzdem oder gerade deshalb ist dieser Roman ein absoluter Pageturner: schwer wegzulegen wie das Handy.

Elina Penner wurde 1987 im südrussischen Kamenka in einer Mennonitenfamilie geboren, im Oblast Orenburg an der Grenze zwischen Asien und Europa, damals noch UdSSR. Sie ist eine deutsche Schriftstellerin und hat nach eigenen Angaben "Plautdietsch" (Plattdeutsch) als Muttersprache. 1991 kam die Familie als Aussiedler nach Nordrhein-Westfalen, wo Penner zur Schule ging. Ab 2007 studierte sie Amerikanistik und Politikwissenschaften in Regensburg, wo sie 2011 den Bachelor machte. Einen Master in Amerikanistik schloss sie 2015 an der Berliner Humboldt-Universität nach Studienaufenthalten an der University of Virginia ab. Penner schreibt für die Vogue, den Spiegel und leitet das Online-Magazin „Hauptstadtmutti“.

Publikationen:
- Nachtbeeren. Aufbau Verlag, 2022, ISBN 978-3-351-03936-3
- mit Dorothea Enß: Kinderfragen Tjinjafroage. Tweeback-Verlag, Bonn 2022, ISBN 978-3-944985-16-9
- Migrantenmutti. Aufbau, Berlin 2023, ISBN 978-3-351-04208-0.
- Die Unbußfertigen. Aufbau, Berlin 2025, ISBN 978-3-351-04258-5.

Samstag, 20. Dezember 2025

Lyrik aus Stuttgart an der Schlei: Wolfgang Brenneisen ist gestorben


Ich Hammer! 
Du Amboss. 
Wo Dein Gedicht? (2013)

So kennt man ihn: Witzig, manchmal frech, kurz, eine Figur wie geklaut aus den masurischen Geschichten von Siegfried Lenz ("So zärtlich war Suleiken"). Das erste Buch, das ich von ihm las, waren "Die fünfzig schönsten ungeschriebenen Romane von Konrad Salik, entdeckt von Wolfgang Brenneisen" aus der Elefanten Press Berlin (1985). Das ist Prosa vom Feinsten, mit spitzer Feder geschrieben, witzig und gebildet (voller entlarvender Textbausteine aus echten Kritiker-Kommentaren der Feuilletons von ZEIT, Frankfurter Rundschau, FAZ, Spiegel oder SWF - TV mit dem Literaturmagazin von Jürgen Lodemann). So einen hätte ich gern als Lehrer gehabt. Aber ich will nicht meckern, ich hatte ihn als Freund.

Schon im August ist er im Alter von 84 Jahren gestorben. Das ist nach Günter Guben bereits der zweite in diesem Jahr, von dessen Tod ich mit ungehöriger Verspätung erfahre. Anscheinend haben Künstler (vor allem die mit  Mehrfachbegabungen) keine Rezensenten, Agenten, Verlage oder Verwandten mehr, die sie wachsam begleiten und beobachten. Oder war sein Wohnort Kappeln an der Schlei einfach zu abgelegen für eine lebendige Kulturszene, in der sein Fehlen aufgefallen wäre? Ist das heute der Trend des Zeitgeistes ("Aus den Augen, aus dem Sinn")?

Wolfgang Brenneisen wurde 1941 in Tilsit geboren (heute Sowetsk bei Kaliningrad) direkt an der litauischen Grenze, wuchs in Oberschwaben auf und starb im vergangenen August in Kappeln an der Schlei. Er hat Germanistik, Anglistik und Philosophie studiert und hat bis 2002 auch als Lehrer gearbeitet. Er verbrachte ein Jahr in Großbritannien und beschäftigte sich ab 1970 mit bildender Kunst. 1974/75 war er Gaststudent an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Als Künstler hatte er etliche Einzelausstellungen und zahlreiche Beteiligungen an Gruppenausstellungen im süddeutschen Raum und zuletzt in Kiel. Typisch war auch hier seine Vorliebe für Mischtechniken aus Fotografie, Grafik, Collage und Text.

Seit 1984 veröffentlichte Brenneisen zahlreiche Bücher, wobei das humoristisch-satirische Element oft im Vordergrund stand. Seine Bücher erschienen u. a. bei Verlagen wie Rowohlt und Heyne. Wolfgang Brenneisen hat etliche Lyrikbände, acht Kinderbücher, neun Hörspiele und ein Theaterstück verfasst. Ein weiterer erfolgreicher Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Beschäftigung mit seiner Heimat Schwaben und der schwäbischen Mundart. Als Mitarbeiter renommierter deutscher Zeitungen verfasste er ca. 240 Artikel, darunter auch Gedichtinterpretationen für die Frankfurter Anthologie von Marcel Reich-Ranicki in der FAZ.

Oft schrieb dieser Autor lustigen Kleinkram, aber die Gruppe hat ihn auch intensiv zum Lesen angeregt und seinen Blick geweitet. Von 1988 stammt ein Gedicht von Brenneisen, das  in Zeiten des Waldsterbens seine ernste Seite zeigt:

So frisst die neue Zeit
sich in das Fell
der alten Erde, schlägt 
Wunden in die Wälder,
schlitzt den Himmel auf.
Die Tiere kriechen
in die Löcher, um zu sterben.
Noch einmal stehn die Heiligen
wie blasse Herbstzeitlosen
auf den Wiesen - 
dann weht ein giftiger
Wind, sengt alles
öd und kahl und leer. 
 

Seit August 1984 war er Mitglied einer Gruppe von Lyrikerinnen und Lyrikern, die der Dichter Johannes Poethen zu einem Seminar ins neue Stuttgarter Schriftstellerhaus eingeladen hatte. Wir lernten damals nach Poethens Art, "Gedichte zu putzen", ein ebenso einfaches wie effizientes Verfahren: Alle lesen reihum neue Gedichte vor und kritisieren sie - in der Sache knallhart, in der Form immer wertschätzend und freundlich. Wer gelesen hat, hält den Mund, bis alle anderen etwas dazu gesagt haben. Dieses Verfahren haben wir seitdem zwei Mal im Jahr bei weiteren Treffen fortgesetzt. 2020 waren diese Treffen plötzlich unmöglich und Wolfgang Brenneisen längst zu weit weg fürs Teilnehmen, in Kappeln an der Schlei. Während des ersten Pandemie-Lockdowns hatte Wolfgang die Idee, die Köpfe der Gruppenmitglieder nach Fotos als Briefmarkenserie zu gestalten. (Aus dieser Serie stammt auch das Selbstporträt oben). Ziel war es, eine Ausstellung mit diesen Dichterporträts und je einem Textblatt unter dem Titel "Tatort Schriftstellerhaus Stuttgart" zu organisieren. Das führte auch zu einem kleinen Buch, sollte uns aus der Isolation holen und aktiv in einem kreativen Projekt verbinden, aber zugleich ein trotziges, bonbonbuntes Zeichen der Lebensfreude setzen: Wir sind noch da! Jetzt ist es wieder einer weniger.

 

 

 

Freitag, 12. Dezember 2025

Rising Star: Stuttgarter Eigengewächs beim Staatsorchester

Mira Foron (Foto: Veit  Mette)

Mira Foron ist ein begnadeter und fröhlicher Rotschopf von  23 Jahren aus Stuttgart. In der Spielzeit 2023/24 debütierte sie beim Staatsorchester mit dem Violinkonzert Nr. 1 von Dmitrij Schostakowitsch, und am 7. Dezember 2025 kehrte sie zum Jubel des Publikums zurück. Diesmal mit dem Violinkonzert D-Dur von Peter Tschaikowsky (1840 - 1893), dem einzigen des großen russischen Komponisten, das aber zu den bekanntesten und meist gespielten Violinkonzerten der Welt gehört. Nicht zufällig erinnert es in Schwierigkeitsgrad, Tonart und Stimmung an das Violinkonzert Nr. 1 D-Dur von Niccolo Paganini, zu dem die Solistin ebenfalls ein besonderes Verhältnis hat (Sie spielte als Zugabe Paganinis Capriccio Nr. 15). Das Violinkonzert Tschaikoswskys ist ein Mount Everest für alle Geiger, und Mira Foron nahm diese Herausforderung nicht nur an, sie bewältigte die Herkulesaufgabe mit Bravour. Sie ritt den Tiger und erreichte schon im Kopfsatz (Allegro moderato) eine souveräne Balance zwischen Schönklang, Ausdruck und Virtuosität. Die elegische Innerlichkeit des zweiten Satzes (Canzonetta. Andante) entfaltet sich, ist die Herausforderung des Technischen und Sich-Durchsetzens gegen das Orchester erst einmal bewältigt, berührend zart und melodisch. Das furiose Finale des dritten Satzes (Allegro vivacissimo) dirigierte Generalmusikdirektor Cornelius Meister wie erwartet sehr effektvoll, und die Solistin warf sich temperamentvoll in diesen Dialog. Geradezu tiefenentspannt bewältigte sie mit traumwandlerischer Sicherheit die rasanten Läufe und haarigen Doppelgriffe dieser musikalischen Wildwasserfahrt. Minutenlange Standing Ovations und Bravo-Rufe waren der Lohn. Hier durfte man das Gefühl haben, den Aufstieg eines neuen Sterns an einem Himmel voller Geigen zu erleben. Das Stuttgarter Eigengewächs Mira Foron hat schon viel Konzerterfahrung und wird die Welt erobern, aber zu Hause immer willkommen sein.

"Final(ment)e. Beziehungsweisen für zwei Trompeten und Orchester" (2021) heißt das nachfolgende Stück des Schweizers David Philip Hefti (*1975). Die Solisten Lennard Czakaj und Alexander Kirn spielten sich von den Seitenwänden des Beethovensaals aus über die Köpfe der Zuhörer hinweg mit Flügelhörnern, C-Trompeten und einer Piccolo-Trompete kurze Motive zu und erzeugte in einer großen Bandbreite von Klangfarben und die räumliche Distanz (auch vom Orchester auf der Bühne) Nachhall-Effekte und eine gezielt erzeugte Unschärfe im dialogischen Zusammenspiel. Tastende Suchbewegungen über 16 Minuten.

Cornelius Meister Foto: Matthias Baus

Nach der Pause dirigierte Cornelius Meister zehn der 21 "Ungarischen Tänze" von Johannes Brahms (1833 - 1897) in der Fassung für Orchester. Tschaikowsky und Brahms zählen beide zu den bedeutendsten Komponisten der Romantik und kannten sich auch persönlich. So unterschiedlich sie auch waren, sie verstanden sich prächtig. Sie begegneten sich zum ersten Mal am Heiligabend 1887 beim Essen im Haus des Geigers Adolph Brodsky, damals Konzertmeister des Gewandhausorchesters in Leipzig, der später als Solist die Uraufführung des Violinkonzerts spielen sollte. Anna Brodsky, die Ehefrau des Gastgebers, schildert in ihren Memoiren diese Begegnung auf amüsante Weise und wurde dankenswerterweise im Programmheft zitiert.

Cornelius Meister dirigierte die Orchesterfassung der Ungarischen Tänze, mit denen dem Pianisten Brahms der Durchbruch beim breiten Publikum gelang, mit viel Temperament und großer Gestik. Der satte, weiche Streicherklang kam manchmal etwas übertrieben daher - vielleicht, weil Meister, seit seiner Jugend selbst Pianist und erst seit 1997 zusätzlich Dirigent, den Eindruck vermeiden wollte, dem Pianisten Brahms zu viel Raum zu lassen. Brahms hatte nämlich als junger Pianist den ungarischen Violinvirtuosen Eduard Reményi auf einer Deutschland-Tournee begleitet und dabei die charakteristischen Melodien, Harmonien und Rhythmen der populären ungarischen Volksmusik kennen gelernt, mit denen Reményi seine Konzerte gern anreicherte. Das war allerdings schon eine Form der Kunstmusik, die Caféhausmusik der Roma, die Brahms sehr faszinierte. Folglich waren die Csárdás-Tänze, die Brahms 1869 und 1880 aufschrieb, zunächst eigentlich nur Klaviersätze. Brahms verstand sich hier bewusst nicht so sehr als Komponist, sondern eher als Arrangeur von Volksmusik. Diese Bescheidenheit ehrt den Meister. Dem Publikum war´s egal. Die Leute feierten ihren Generalmusikdirektor in seiner letzten Spielzeit. Meister, geboren 1980 in Hannover, leitet seit 2018 Staatsoper und Staatsorchester in Stuttgart. Davor war er von 2010 bis 2018 Chefdirigent des ORF-Radio-Symphonieorchesters in Wien.


Donnerstag, 4. Dezember 2025

Zeitweilige Distanz in Nahaufnahme: Gedichte aus dem Krieg

Oksana Maksymchuk: "Tagebuch einer Invasion". Gedichte. Edition Lyrik bei Hanser,  München. 112 Seiten, 24  €. Deutsch von Matthias Kniep. Mit einem Nachwort von Ilya Kaminsky

Oxana Maksymchuk 
© Natalya Mykhailychenko

Noch nie habe ich Gedichte gelesen, die so nah am Krieg waren. Es sind keine Gedichte über den Krieg, es sind Gedichte aus dem Krieg. Dabei hat die Autorin weder im Schützengraben noch im Luftschutzkeller gesessen. Aber sie hat die russische Invasion im Kopf und im Herzen wie MiIlionen ihrer Landsleute, permanent. Wie kann man da noch Gedichte schreiben?

Meine Cousine schreibt
sie sei in einem Keller
mit ihrer einjährigen Tochter
ihr Mann eingezogen
...
Das Baby, früher war es verängstigt
durch Eplosionen 
jetzt singt sie es 
in den Schlaf 
...
Unsere Stadt, sie mag aussehen wie ein
Haufen Schutt,
aber sie besteht aus demselben Stoff                                                            nur die Form hat sich verändert 

Das Buch strahlt eine unterkühlte Hellsichtigkeit aus, ist auf eine gespenstische Weise distanziert und wohl gerade deshalb von geradezu durchdringender Konzentration. In der unerbittlichen Präzision und Genauigkeit der Gedichte liegen nicht nur Angst und Grauen offen, sondern auch das Gegengift: Widerstandsfähigkeit. Immer wieder zeigt sich eine Resilienz, die das Buch zu einem Leitfaden für seelisches Überleben macht. Die Natur bleibt ungerührt immer die Natur.

Keine Brücke mehr jetzt 
aber der Fluss
fließt wie zuvor 
...
er weint nicht
wenn er die Leichen wiegt
und mit den Überresten spielt
...
neutral
wie der Fluss eines Gedichts
...
reflektiert alles
ändert nichts 
 

Oksana Maksymchuk wurde 1982 in Lviv/Lemberg in der Ukraine geboren. 1997 zog sie mit ihrer Mutter nach Illinois/USA. Als promovierte Philosophin kehrte sie in ihre Heimatstadt Liv zurück, befand sich jedoch bei Kriegsausbruch im Februar 2022 mit ihrem Sohn auf einer Reise in Ungarn und lebt seitdem im Exil. Die zweisprachige Dichterin ist Autorin mehrerer Gedichtbände in ukrainischer Sprache sowie Mitherausgeberin der Anthologie "Words for War: New Poems from Ukraine".

Bilder dieser zeitweiligen Distanz in Nahaufnahme zeigen zuerst ein extremes Bemühen um Sachlichkit, Objektivität, (einen "kühlen Kopf", wenn man so will). Das Buch entstand zudem in englischer Sprache, weil, so Maksymchuk in einem Interview mit Sasha Dugale für PN Review, das Englische ihr die "Illusion einer zeitweiligen Distanzierung" gegeben habe, die es ihr erlaubte, mit "einer freieren, ausgeglicheneren Stimme" zu sprechen. Eine zusätzliche Ebene der Distanzierung entsteht noch durch die Übersetzung ins Deutsche. Leser dieser Texte sollten aber nie vergessen, dass die Dichterin auch eine gelernte Philosophin ist. 

Ich kenne aus eigener Erfahrung die Macht der Versuchung, aus einem Gedicht immer dann, wenn es besonders wichtig wird, einen Essay zu machen. Und ich verdanke Johannes Poethen die mitunter schmerzvolle Lehre: Mach kein Gedicht zum Essay, das geht schief. Da hilft nur, gnadenlos zu streichen und zu kürzen (manchmal). Das Gedicht "Ordnungen der Dringlichkeit" ist für mich zum einen die hohe Schule dieser Vermeidungslehre und zum anderen ein grandioses Plädoyer für ein poetisches Dennoch, das zu einem Akt des Überlebens und Widerstandes wird:

Vor allem anderen 
ist die Welt zuerst ein Gedicht,
das sich aus einer Öffnung heraus entfaltet 
...
Liebe ist alt wie die Zwietracht,
letzte Ursachen sind auch erste 
Sein geht aller Zeit voraus - 
also erst Ontologie,
dann Temporalität
 
Und das Gedicht, das ich verfasse 
vor deinen Augen
in genau diesem Augenblick
 
(ausgeklammert das Geräusch
meines schwergehende Atems 
während die Luftschutzsirene heult) 
 
ja, 
es ist, für einen Moment nur, dem letzten
in der Abfolge der Dinge,
 
die entstehen, 
ihren Höhepunkt erreichen, vergehen, 
sich widersetzen dem Vergessen 
 

Ansingen gegen das Vergessen: die vornehmste Aufgabe der Literatur. Das ist die reine Selbstbehauptung und Selbstermächtigung gegen Angst, Tod und Zerstörung, letztlich etwas Unzerstörbares und der Grund, warum Diktatoren Poesie und Poeten fürchten und verfolgen.

 

 

Sonntag, 9. November 2025

Ein neuer Stern am Dirigentenhimmel: Nicolo Umberto Foron debütiert in Stuttgart

Nicolo Umberto Foron beim Schlussapplaus

Am 6. November stand beim ersten Mittagskonzert des SWR Symphonie Orchesters in der neuen Saison ein halber Stuttgarter und möglicher künftiger Lokalmatador am Pult: Nicolo Umberto Foron hatte Auszüge aus Ludwig van Beethovens Musik zu Goethes Trauerspiel "Egmont" und die Sinfonie Nr. 9 Es-Dur von Dmitrij Schostakowitsch als Programm gewählt. Der Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle war gut gefüllt dank einiger Reisegruppen und Schulklassen, die mit lautem Jubel auf die Begrüßung durch die Moderatorin Tabea Dupree reagierten und auch sonst die Geräuschkulisse höher hielten als am Abend.

Was folgte, war ein wunderbares Konzert. Das gut aufgelegte Orchester spielte die rasante Ouvertüre (Sostenuto - Allegro), alle vier Zwischenaktmusiken (Andante, Larghetto, Allegro, Sostenuto e risoluto) und die finale Siegessinfonie (Allegro con brio) aus Egmont", nur der Chor fehlte aus Zeitgründen. Vor allem die brillanten Streicher sind hier hervozuheben.

In der Pause hatte Foron, rothaarig wie ein Wikinger, sogar die Nerven, sich von Tabea Dupree live interviewen zu lassen, und zeigte sich dabei gut gelaunt. Der 27 Jahre junge Dirigent wurde 1998 in Genua geboren und ist in Bielefeld und Stuttgart aufgewachsen. Schon mit zehn Jahren wurde er Dirigierschüler des legendären Jorma Panula. Nach dem Abitur (mit 16!) begann er ein Dirigierstudium in Amsterdam und anschließend ein Masterstudium in London. Mit 21 Jahren machte er an der Royal Academy of Music sein Konzertexamen. Seit 2023 ist Foron Assistenzdirigent des London Symphony Orchestra. Beim internationalen Dirigierwettbewerb "Jeunesses Musicales" in Bukarest gewann er 2021 den ersten Preis, bei der Donatella Flick Conducting Competition 2023 ebenfalls. Also ein echter Überflieger und Charmebolzen.

Im zweiten Teil des Konzerts folgte die Sinfonie Nr. 9 Es-Dur von Dmitrij Schostakoswitsch (1906 - 1975) in fünf Sätzen, die dennoch mit 26 Minuten extrem kurz ist. Sie sollte eine "Sieges-Sinfonie" für Josef Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg sein und wurde doch streckenweise zu einer heimlichen Karikatur. Stalin hatte eine extrem hohe Fistelstimme, und man meint sie vor allem im ersten Motiv des ersten Satzes zu hören: kurz, aber laut, ein Flötenfalsett in den höchsten Tönen, das im Allegro über das Ende des Tötens mehrfach wiederholt wird. Der kurze zweite Satz (Moderato) ist dem mühevollen Wiederaufbau gewidmet, der Dritte (Presto) der Wiedersehensfreude der Überlebenden, der Vierte (Largo) der Trauer um die 29 Millionen Kriegstoten. Der fünfte Satz (Allegretto) ist eine Art Siegesparade-Musik. Vor allem die phänomenalen Bläser und das fulminante Schlagwerk haben sich hier ausgezeichnet. Der lang anhaltende Beifall und die Bravo-Rufe waren hoch verdient.