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Samstag, 23. Dezember 2017

Weihnachten 2017 - ein Gedanke über Liebe

Der Stuttgarter Schlossplatz

In dem Chor, der mich seit sechs Wochen mitmachen lässt, üben wir gerade die Motette "Das Volk, das im Finstern wandelt" von Albert Becker für die Christvesper am Heiligen Abend. Und weil sie schwer ist für einen, der 40 Jahre lang fast nur getextet und nicht mehr gesungen hat, habe ich das Stück jetzt dauernd im Ohr. Es geht weiter ..."es sieht ein großes Licht". Passt. Für mich jedenfalls. Ihnen und Euch wünsche ich das von ganzem Herzen auch. Die Finsternis in der Welt ist ebenso umfassend wie banal. Aber ich finde es gut, zu wissen: Das Licht kommt immer wieder - beharrlicher als die berüchtigte Hydra, die vielköpfige Schlange der griechischen Mythologie. Ich wünsche allen Menschen, die guten Willens sind, einen ebenso freundlichen Tinnitus wie den meinigen, ein friedliches, schönes Weihnachtsfest und ein gutes, gesundes, erfreuliches Jahr 2018. Ein Gedanke noch: Es stimmt, dass die Friedensvision des Propheten Jesaia vom Friedensfürsten und seiner Herrschaft (Kapitel 9) seit 3000 Jahren unerfüllt bleibt - trotz der Geburt des Messias, den man dann ja auch flugs hingerichtet hat. Das Morden, das Plündern, Stehlen, Rauben und Vergewaltigen geht weiter. Aber wie sähe es aus in der Welt, wenn niemals jemand den Menschen diese Idee vom Ende jeder Gewaltherrschaft in den Kopf gesetzt hätte? Ich glaube, allein was dadurch bewirkt wurde, ist ein echtes Weihnachts- und Menschheitswunder.


Montag, 4. Dezember 2017

Bachs Weihnachtsoratorium zum 1. Advent in Stuttgart

Der Chef (ganz rechts) applaudiert: Die Gaechinger Cantorey
Manchmal sind Terminkalender merkwürdig, auch für Konzerte großer Ensembles. Diesmal bescherte der Plan der Internationalen Bachakademie Stuttgart dem Publikum schon jetzt das Weihnachtsoratorium (Kantaten I-IV) von Johann Sebastian Bach, zum 1. Advent. Hans-Christoph Rademann leitete die Instrumentalisten und zwei Dutzend Sänger seiner Gaechinger Cantorey. Die boten am Samstag und Sonntag den Zuhörern in der Liederhalle ein großartiges Konzert auf Weltklasse-Niveau, bei dem niemals auch nur der geringste Verdacht auf Langeweile aufkam. Bachs Klassiker ist ja schon Teil vorweihnachtlich-musikalischer Identitätsrituale für kulturaffine Bildungsbürger Deutschlands. Umso erstaunlicher finde ich, welche Weltklasse-Einheit reiner Barockmusik Rademann da aus geschrumpften Vokal- und Instrumentalensembles zur geformt hat. Erstklassig der makellose Chorklang, die Verständlichkeit der Texte, die Intensität und Ausdrucksstärke der Solisten. Das waren Joowon Chun (Sopran), Anke Vondung (Alt), Paul Schweinester (Tenor) und der Bassbariton Andrè Schuen, den man als Entdeckung feiern darf.
Neben den Streichern und den bei Bach so wichtigen Blechbläsern spielt das Ensemble bei den Instrumentalisten eine Besonderheit aus, die der Akademie erst seit dem letzten Sommer zur Verfügung steht: die Rekonstruktion einer Original-Truhenorgel aus der Werkstatt des berühmten Gottfried Silbermann. Dieses wunderbare Instrument aus dem Jahr 1722 wurde 1013 in der Schlosskapelle von Seehausen bei Riesa entdeckt und mit Hilfe von Mäzenen durch den Orgelbauer Christian Wegscheider in Dresden aufwändig restauriert. Es bildet seitdem das Continuo-Herzstück des barocken Klangs mit historischen Instrumenten. Und wie selbstverständlich spielt es jetzt seine tragende Rolle in Stuttgart. Als besondere "Mitmach-Zugabe" forderte Hans-Christoph Rademann das Publikum am Ende auf, den Choral "Ach mein herzliebes Jesulein" am Ende mitzusingen. Tolle Idee und sehr ungewöhnlich bei klassischer Musik - auch in Stuttgart, wo angeblich jeder zweite Einwohner in irgend einem Chor singt. Das Publikum war hin und weg.