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Sonntag, 4. März 2018

Im Sturm der Gefühle

Lear, Kent und der Narr im Sturm
 Gestern sah ich im Staatstheater Stuttgart "König Lear" von Shakespeare in der Regie von Claus Peymann: Autoren-oder Erzähltheater vom Feinsten im Gegensatz zum Regietheater oder Mitmach-Theater. Dem Erzähltheater haftet immer so ein altmodischer Geruch an, Regie-Theater ist "in". Doch Peymann holt das Beste aus den Schauspielern heraus, was man von anderen Spielformen nicht unbedingt sagen kann. Sein Lear ist ein aktuelles Beispiel für Rücktritts-Probleme seit Kohl und Merkel, aber auch einfach großes Gefühls-Theater. Lear hat einen sprunghaften, mehrschichtigen Charakter, und ist nicht nur der grobe Polterer, der seine Lieblingstochter vertößt, weil sie nicht schmeicheln kann. Er liebt sie auch wirklich und leidet wie ein Hund unter seiner eigenen Fehlentscheidung, er zeigt zugleich Stärke und Schwäche, kann sich schämen und ist fähig zur Reue. Wie dieser Lear (großartig gespielt von Martin Schwab) von seinen beiden anderen (höchst undankbaren) Töchtern im Gewittersturm vor die Tür gesetzt wird und als armer, alter, schwacher, langsam irre werdender Mann durch die Nacht irrt, das ist ein starkes, zeitlos starkes Bild. Einzig und ausgerechnet der treue Diener Kent, den er ebenfalls gefeuert hat, weil er es wagte, die Verstoßung seiner Lieblingstochter Cordelia zu kritisieren, und diese Tochter als Hofnarr begleiten ihn. Lea Ruckpaul verkörpert diese Doppelrolle mit viel Gefühl, Ausdruckskraft, Wandlungsfähigkeit, Witz und Melancholie, dass sie zu Recht vom Publikum gefeiert wurde - ebenso wie Martin Schwab, dessen Rolle manche Kritiker nicht verstanden haben, die einen eindimensionalem Herrenmenschen in Lear sehen. 
Frenetischer Schluss-Applaus bei Peymanns "Lear"


Nicht zuletzt dank des intriganten Edmund, des unehelichen Sohnes von Lears Faktotum Gloster, sind am Ende fast alle tot - sie bringen sich um Streit um Lears Erbe gegenseitig um, aber höchst unterhaltsam und lehrreich. Cordelia wird im Kerker ermordet, nachdem sie ihrem Vater verziehen hat. Lear erleidet darüber einen tödlichen Herzinfarkt. Dieses Drama zieht seinen Reiz aber nicht aus dem Blutrausch, sondern aus der Spannung zwischen Komödie und Tragödie. Ein Depri-Stück ist es deswegen noch lange nicht. Dafür sorgt schon ein Schauspieler-Ensemble, das der Altmeister Peymann klug führte und das durch die Bank alles gab, um einen großen Theaterabend zu bieten. Kein Schnickschnack, kein verstümmelter Text, kein Regisseur, der seine Ideen über das Stück stellt. Peymann zeigte sich nicht eitel, sondern mit seinen 80 Jahren erfahren und groß genug, um Shakespeare einfach Shakespeare sein zu lassen. Das ist nämlich immer noch ein Hammer. Bravo!

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