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Samstag, 13. Dezember 2014

Aus Opfern mach Täter: Türkische Verhältnisse bei der Justiz zu Stuttgart 21

Ein völlig unangemessener Vergleich


Nach dem Wasserwerferprozess gegen zwei Polizeibeamte, der wegen „geringer Schuld“ eingestellt wurde, sollen jetzt vier der fünf Nebenkläger ein Drittel ihrer Anwaltskosten selbst bezahlen. Eine Nebenklägerin soll sogar die gesamten Kosten selbst tragen.

So könnte das Gericht nachträglich und ohne Prozess aus Opfern Täter machen, denn nach Angaben der Anwälte geht es vermutlich um mehrere tausend Euro. Außerdem gibt es gegen so eine Kostenentscheidung kein Rechtsmittel mehr. Das liefe im Ergebnis auf eine verdeckte Geldstrafe hinaus. Zum Vergleich: die Angeklagten haben einen Strafbefehl über je 3000 EURO erhalten. Wie die Anwältig Ursula Röder sagte, muss eigentlich der Angeklagte die Kosten der Nebenklage übernehmen, wenn ein Verfahren nach Paragraf 153 a eingestellt wird. Nach einer so genannten Billigkeitsprüfung hat das Gericht jedoch anders entschieden.
Wie das Stuttgarter Landgericht mitteilte, habe die „Billigkeitsprüfung“ ergeben, dass die Nebenkläger, die am „schwarzen Donnerstag“ vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen wurden, eine gewisse Mitschuld am Geschehen trügen. Begründung: die verletzten Demonstranten hätten der Aufforderung der Polizei, den Park zu verlassen, nicht Folge geleistet. Diese – gelinde gesagt, seltsame – Umwertung von Schuld und Unschuld hat Methode, und die kann man vor allem in der russischen und der türkischen Justiz seit längerem studieren. Bei Prozessen mit politischem Hintergrund geht dort die Justiz ganz ähnlich gegen missliebige Regimekritiker, die sich anders nicht disziplinieren lassen.
Ein Beispiel, das durch die Weltpresse ging, und das viele Stuttgarter vielleicht vergessen haben: Die Staatsanwaltschaft Istanbul erhob am 3. Februar 1995 Anklage wegen Volksverhetzung und Landfriedenspruch gegen den Schriftsteller Aziz Nesin – ein Vorwurf, auf den die Todesstrafe steht. Aziz Nesin (20.12. 1915 – 06.07. 1995) war eine Art türkischer Ephraim Kishon, ein bekennender Atheist und Satiriker, der Millionen zum Lachen brachte – auch gern über rückständige muslimische Fundamentalisten. Was war geschehen?
Am 2. Juli 1993 hatte Nesin auf einem Kongress alevitischer Musiker, Tänzer und Dichter im anatolischen Sivas gefordert, Muslime müssten den Roman „Die satanischen Verse“ von Salman Rushdie erst einmal übersetzen und lesen, bevor sie darüber diskutieren und ihn verbieten. In Sivas steht ein Denkmal des avetitischen Dichters Pir Sultan Abdal, der für seine Glaubensbrüder ein Freiheitsheld ist, weil er wegen seiner Gedichte und Lieder 1550 hingerichtet wurde. Nach dem Freitagsgebet in Sivas gingen 20 000 aufgehetzte sunnitische Gläubige auf die Straße und demolierten zuerst das Pir-Sultan-Abdal-Denkmal. Dann zündeten sie das Tagungshotel an, um „die ganze ketzerische Brut auszuräuchern“ allen voran Aziz Nesin. Der jedoch überlebte leicht verletzt, obwohl in Feuerwehrleute vor laufenden Fernsehkameras noch von der Drehleiter stürzten, über die sich der alte Mann retten konnte. Für 37 andere Bewohner des Hotels, das aus Holz gebaut war und wie Zunder brannte, kam jede Hilfe zu spät.
Die Ermittlungen gegen die wahren Urheber des blutigen sunnitischen Pogroms an liberalen alevitischen Muslimen wurden eingestellt. Dafür aber nahm die Staatsanwaltschaft Istanbul im Sommer 1994 den Dichter Aziz Nesin ins Visier und beschuldigte ihn, die Gewaltorgie von Sivas verursacht zu haben. Ein missliebiges Opfer sollte zum Täter gemacht werden, wie schon so oft und bis heute immer wieder. Als ich damals Aziz Nesin zu seinem letzten großen Interview besuchte, stand er unter Polizeischutz und die Türkei war noch ein laizistischen Staat.
Das ist heute anders, aber man konnte es kommen sehen. Istanbuls sunnitischer Oberbürgermeister und vermutlicher Drahtzieher der absurden Anklage gegen Auziz Nesin war von 1994 bis 1998 ein gewisser Recep Tyyip Erdogan. 1998 wurde er wegen Volksverhetzung zu mehreren Monaten Haft und einem lebenslangen Berufsverbot als Politiker verurteilt. 2001 war er Mitbegründer der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), die ein Jahr später die Parlamentswahlen gewann und 2003 Erdogans Politikverbot durch eine Verfassungsänderung aufhob. Von solchen Leuten lässt sich trefflich lernen, wie politische Justiz geht.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Schrille Misstöne von der Sopranistin Anna Netrebko

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Anna Netrebko mit dem ukrainischen Seperatistenführer Olah Zarjow ( Олег Царев @OlegTsarov, 09.12.2014)


Ich liebe Anna Nebtrebko als Sängerin sehr. Aber was für ein Teufel reitet diese Frau, wenn sie sich jetzt in St. Petersburg mit dem ukrainischen Separatistenführer Olag Zarjow samt Kriegsflagge fotografieren lässt!? Ich bin ja sehr für die Freiheit der Kunst. Doch damit hat dieser Vorgang nichts zu tun. Künstler, die zu politischen Agitatoren für Massenmörder werden, missbrauchen die Freiheit der Kunst, die Kunst selbst und die Sympathie ihrer Fans! Sie spendete eine Million Rubel (umgerechnet derzeit 15.000 €) für ihre Kollegen der Oper in Donezk, die "Im Bombenhagel zu den Proben müssen". Sie verschweigt dabei, wer für das Töten in der Ukraine verantwortlich ist und bisher alle Bemühungen um eine friedliche Lösung des Konflikts blockiert.
Die Werbung der Diva für "Neurussland" liegt auf einer Linie mit ihren peinlichen Sympathiekundgebungen für den russischen Geheimdienst-Präsidenten Wladimir Putin und dessen Dirigentenfreund Valery Gergiev seit der Annexion der Krim. Gergiev will sogar Chef der Münchner Philharmoniker werden, und bisher kommt weder Kritik vom Freistaat Bayern, noch der Stadt München oder gar den Musikern selbst. Was für eine Schande! Musik sollte verbinden und versöhnen. Wer diese Macht für das Gegenteil einsetzt, nämlich Spaltung und Hass-Propaganda, steht im Bann des Bösen. Für solches Verhalten sollte es bei unseren Kulturschaffenden Null Toleranz geben: Ich hoffe, in nächster Zeit lädt niemand mehr diese Produzentin schriller Misstöne zum Singen ein! Vor allem Intendant Mölich-Zebhauser vom Festspielhaus Baden-Baden hat da eine Schwäche.
Auch politisch wäre eine angemessene Reaktion möglich. Vielleicht sollte ihr Österreich die österreichische Staatsbürgerschaft aberkennen. Heimatlos wird die Dame dadurch ja offensichtlich nicht: Sie hat nach wie vor auch einen russischen Pass und behält ihre Eigentumswohnung in Wien. Aber eine Kulturnation kann ihre demokratische Tradition von der Nähe zu so zynischen Demonstrationen des Nationalismus, Chauvinismus und Revanchismus befreien.

Freitag, 7. November 2014

Edler Thriller: "Himmelstal" von Marie Hermanson

Insel Verlag Berlin 2012, 428 Seiten
Dass heutzutage jeder, aber auch wirklich jeder Verlag meint, er müsse Krimis drucken, ist eine Schande. Keine Schande, sondern vielmehr ein Glücksgriff aber ist der Roman "Himmelstal" von Marie Hermanson. Die Frau aus Göteborg, muss man sagen, schreibt nicht einfach Krimis. Sie schreibt hervorragend recherchierte, psychologisch tiefe, packend erzählte Thriller mit einem Schuss kriminalistischer Handlung. Es gibt jedoch keinen Kommissar, sondern einfach nur Menschen, die Ungeheuerliches erleben.
In diesem Fall ist das Daniel, der einen Zwillingsbruder hat, der in einem fiktiven, abgelegenen Ort der Schweizer Alpen - eben "Himmelstal" in einem Sanatorium. Der bittet um einen Besuch, und kaum ist Daniel da, unter einem Vorwand darum, er möge ihn "für ein paar Tage vertreten". Was sich beim ersten Blick als Sanatorium darstellt, ist aber auf den zweiten eine Bewahranstalt für unheilbare gewalttätige Psychopathen, getarnt als Forschungsprojekt. Und aus der gibt es auch für den Gesunden im Prinzip kein Entkommen, weil - mit einer Ausnahme - Ärzte und Therapeuten ebenfalls Psychpathen sind und ihr System paranoid.
Es kommt wie es kommen muss: Daniel, der sich erst langweilt, will flüchten. Mit Hilfe der Ausnahme, einer zufällig hübschen Therapeutin, die ihn eigentlich kontrollieren soll und ebenfalls "ein bürokratischer Irrtum" ist, lernt er, sich der totalen Überwachung zu entziehen. Nicht ohne schmerzhafte Rückschläge kann er schließlich das perfide psychomedizinische System "Himmelstal" durchschauen.
Doch bis zuletzt gelingt es der Autorin, Unsicherheit daüber aufrecht zu erhalten, was Gut und was Böse ist in Himmelstal, wem man trauen kann und wem nicht. Daniel und seine schöne Bewacherin werden ein Liebespaar und schöpfen Hoffnung, geraten aber auf dem "Dienstweg" zur Flucht nochmals in eine aberwitzige Steigerung der bisherigen Widerstände. Das ist Thomas Manns "Zauberberg" als gegen den Strich gebürsteter Alptraum: die Idylle als tödliche Falle ist hier nicht mehr nur bloße Metapher, sie ist zum Greifen nah, täuschend echt und voller Gefahren.

Herrliche Urlaubslektüre: „Der Spatz in der Hand – ist die Taube...“ von Hanna-Laura Noack


Am 7.8.2014 schrieb ich über „Der Spatz in der Hand – ist die Taube...“ von Hanna-Laura Noack eine vorläufige Rezension bei Neobooks, weil ich das Buch erst an-, aber noch nicht ausgelesen hatte. Das ist inzwischen längst der Fall. Nun also die runderneuerte Version: Ich habe nichts zurückzunehmen, nur zu ergänzen.


Handlung: Ehefrust, Weiberklatsch, Kölsch und Träume vom Herzflimmern: Alles ist da für einen leichten, flirrenden, auf keinen Fall ganz ernst zu nehmenden Sommer-Unterhaltungsroman. Auch wenn der schon im Herbst spielt: Autorin setzt wegen Abenteuerlust ein Inserat "Protagonist gesucht" in die Zeitung und findet einen interessanten, aber etwas dubiosen Franzosen. Wie die zwei Fremden in Köln fremdeln - köstlich. Der Plot verwickelt sich aber nicht nur durch erotische Fantasien, sondern auch durch eine Art Krimi um den vertuschten Tod eines Unfallopfers in einer Kölner Klinik. Spätestens die Auflösung zeigt an der Hauptfigur den Charakterzug echten Mitgefühls. Sehr sympathisch.
Figuren: "Heldin" Eva ist durchaus vielschichtig und keineswegs immer nur nett: ein bisschen verzogen und verwöhnt, ein bisschen emanzipiert und ein bisschen ungerecht, aber voller Elan, Witz und Bosheit – aber trotz allem mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Ihr Ehemann scheint lange der gutmütige Langweiler zu sein, der dramatrurgisch gebraucht wird. Evas Freundinnen wirken zunächst nur wie psychologische gelungene Kontrastmittel, der potenzielle Lover ist bis zur Hälfte des Buches nicht im Geringsten einzuschätzen. Aber das ist gerade der Reiz, der die Spannung hoch hält. Deshalb sage ich auch nicht zu viel darüber. Das Ganze läuft aber auf eine Lektion für die Hauptfigur Eva und ihren Ehemann hinaus, die – gottlob, in einem Urlaubsroman ist das wichtig – ein Happy End hat.
Sprache/Duktus: In beschreibenden Passagen, um das auch mal kritisch anzumerken, holpert es noch manchmal ein bisschen. Aber umwerfende Dialoge und Situationskomik haben mich immer wieder eingefangen, vor allem wenn es um den Kölschen Dialekt geht. Konnte oft schallend lachen - ein großer Gewinn für jede Lektüre.
Struktur: Linear chronologisch erzählt, also "konventionell" - aber das ist mir weit lieber als irgend welche schlecht motivierten dramaturgischen Kringel auf der Glatze. Perspektivwechsel beschränken sich auf die Interaktion mit Mann, Freund, Freundin A und B; Nebenfiguren wie Tochter oder Zugehfrau sind ein ziemlich beliebiges Ventil zum Dampfablassen. Da verliert man nicht den Überblick, und das will ich am Strand auch nicht. Wer nie mit Klischees gespielt hat, werfe den ersten Stein. 
Zusammenfassend: Champagner mit Chili: eine tolle Mischung, teils scharf, teils prickelnd, gottlob nie süßlich, und spannend bis zum Schluss.

Montag, 15. September 2014

Ein Großer Strauss-Abend mit den Münchner Philharmonikern

Dirigent Semyon Bychkov und die Münchner Philharmoniker
Um es gleich zu sagen: Es war ein großartiger Abend zum 150. Geburtstag von Richard Strauss beim Musikfest Stuttgart. Das Konzert der Münchner Philharmoniker am 13. September in der Stuttgarter Liederhalle war dem großen Dirigenten Lorin Maazel gewidmet, der als Chefdirigent dieses Orchester bis zu seinem Tod am 13. Juli leitete. Man durfte skeptisch sein, ob Symyon Bychkov ihn auch nur annähernd würde ersetzen können. Aber dieser Mann, den in Deutschland fast noch niemand kennt, war des Großen würdig: Kein nervöses Gefuchtel wie bei dem Putin-Freund Valery Gergijv, den das Münchner Publikum als nächsten wird begrüßen müssen, sondern eine sensible, ruhig schwingende und an den richtigen Stellen doch energische Führung des Taktstocks und der zurückhaltende, aber gezielte Einsatz der linken Hand charakterisieren den Stil dieses Dirigenten. Er stammt zwar auch aus St. Petersburg, wanderte aber 1975 in die USA aus, bevor er Chefdirigent des Orchestre de Paris und der Staatsoper Dresden wurde. Diesen Mann arbeiten zu sehen, war ein Erlebnis.
Das Orchester spielte durch die Bank virtuos, ja brillant. Die Tondichtung "Don Juan", das Hornkonzert Nr. 2 und die musikalische Autobiographie "Ein Heldenleben" markieren entscheidende Entwicklungsstadien des Komponisten, der sich zwar 1934 als Präsident der "Reichsmusikkammer" mit den Nazis eingelassen hatte, aber zwei Jahre später zurücktreten musste, weil er sich für seinen Librettisten Stefan Zweig eingesetzt hatte. Hier zeigt sich ein Strauss der großen Orchestrierung und der weit ausholenden Melodiebögen, der mit seinen Tondichtungen einen neuen Realismus der Musik geschaffen hat: Wohlklang, wie man ihn manchmal einfach braucht.
 
Hornist Jörg Brückner (links) und die Münchner Philharmoniker
Ein besonderer Höhepunkt war das durchaus nostalgische Hornkonzert Nr. 2 Es-Dur, das aber mit seinen reinen Melismen und großartigen Stakkato-Kaskaden kein bisschen verstaubt daherkam. Der Vater des Komponisten war einer der größten Hornvirtuosen seiner Zeit, und die Ansprüche des Sohnes daher gewaltig - auch was das technische Können des Solisten angeht. Jörg Brückner, der Solo-Hornist der Münchner Philharmoniker, war diesem Anspruch mehr als gewachsen. Mal weich und fließend, mal kraftvoll, immer aber präzise bis aufs i-Tüpfelchen, schien Brückner gar nicht atmen zu müssen. Einzig das breite Lächeln nach dem letzten Ton verriet die Freude des Musikers über ein durch und durch gelungendes Konzert. Das Publikum dankte es ihm mit viel Beifall und verdienten Bravos.
Da war das heldisch wabernde Wagnern im "Heldenleben" erträglich, weil in Leichtigkeit aufgehoben von von gar zu viel Eitelkeit ganz befreit. Man lasse die Beschreibungen und Programmhefte weg und genieße nur einfach diese Musik: Wunderbar!
















Sonntag, 20. Juli 2014

Gelungende Deutschlandpremiere: "Adelaide di Borgogna" bei Rossini in Wildbad



Ein Unhold, der König Lothar von Burgund ermordet hat, seinen Thron besetzt und seine Witwe zur Frau will, aber von Kaiser Otto dem Großen daran gehindert wird: Das ist der historische Kern der Oper "Adelaide di Borgogna" von Gioacchino Rossini, die am 19. Juli beim Festival Rossini in Wildbad Deutschlandpremiere hatte. Was aber Regisseur Antonio Petris und die Musiker aus der Geschichte machten, war große Oper in kleinem Rahmen mit veritablen Überraschungen. Danach sah es allerdings zunächst nicht in  jeder Phase aus. Bei der Besetzung hatte Intendant Jochen Schönleber erkennbar auf etablierte Qualität gesetzt. Hier gut, dort Böse: so einfach war es dann eben doch nicht. Denn auch Schurken leiden und Helden können sehr wohl grausam sein.
Unter der musikalischen Leitung von Luciano Acocella spielten die Wildbad-erfahrenen Virtuosi Brunensis. Das bewährte Orchester nahm feinsinnig und virtuos die Vorgaben des Dirigenten auf, der - anders als der rhythmus-betonte Antonino Fogliani - eher die Melodien betonte und die Bläser stärker ins Spiel brachte. Der musikalische Leiter der Oper Rouen ist ein weltweit erfahrener und stilsicherer Rossini-Interpret. Er brachte zielsicher eine ausgewigene Balance großer dramatischer, zuweilen vaterländisch-italienischer Gesten und menschlicher Gefühle zwischen Liebe und Hass, Demütigung und Machtstreben, Verrat und Solidarität auf die Bühne.
Die großen musikalischen Momente dieser Oper sind ohne Zweifel die Duette von Königin Adealide und Kaiser Otto dem Großen, der sie schließlich aus ihrer misslichen Lage befreit und heiratet. Nicht ohne Befremden wird ein Teil des Publikums bemerkt haben, dass Rossini den männlichen Helden mit einer Hosenrolle besetzt hat. Aber das sollte sich als genialer Schachzug erweisen, der in Wildbad mit Bravour umgesetzt wurde.


Nicht nur der Leitspruch "Sex sells" gilt auch und gerade für die Oper. Die Sopranistin Ekaterina Sadovnikova (Adelaide) und die Mezzosopranistin Margarita Gritskova (Ottone) bekamen Gelegenheit zu einer ungewöhnlichen Breite und Tiefe musikalischer Liebeserklärungen und sangen nicht nur umwerfend, sondern spielten auch hinreißend: Es war bei tropischen Temperaturen ein gelungenes Stück Musiktheater mit zwei heißen Frauen in den Hauptrollen. Mit einem Tenor hätte das so nicht funktioniert. Und das, obwohl Ottone kein verkleideter Mann und das Paar keineswegs eine Lesbenshow für Voyeure oder Feministinnen war. Das Spiel dieser beiden bkieb in jeder Phase musikalisch überzeugend und psychologisch offen. In Höhen und Tiefen wie im Vibrato treffsicher, mit einer großen Leichtigkeit und Spielfreude sangen sie sich in die Herzen des Publikums: zwei wunderbare, elastische und vor Kraft strotzende Stimmen, zwei sinnliche, starke, manchmal laszive, jedoch niemals ordinäre Prachtweiber, die aus einem abstrakten Konstrukt handfestes Phantasiefutter machten. Zwei junge, aber schon international erfahrene Sängerinnen mit Mut zum Experiment.
Die Männer waren an diesem Abend nicht nur kriegerisch die Verlierer: Der Bösewicht-Usurpator Berengario (Baurzhan Anderzhanov, Bass) hatte nur eine undankbare Nebenrolle, die für eine Profilierung seiner stimmlichen Qualitäten nicht viel hergab. Sein Sohn, der Möchtegern-Regent und verhinderte Adelaide-Bewerber Adelberto (Gheorghe Vlad, Tenor), hatte nicht seinen besten Tag. Er wirkte zuweilen unsicher und verkrampft.

Der Camerata Bach Chor Posen - auch nicht zum ersten  Mal in Wildbad - erwies sich einmal mehr als Ausbund an Spielfreude und musikalischem Schwung. So ein Chor tut jeder Oper gut: kein schiefer Ton, kein ungenauer Einsatz, keine Beliebigkeit. Und die Wandlungsfähigkeit, mit der die Sängerinnen und Sänger mal Soldaten der gegnerischen Heere, mal Personal und trauernder Hofstaat oder jubelndes Volk waren, nötigt Respekt ab. Schade nur, dass so viele Premierenbesucher anscheinend wegen der Hitze kurzfristig abgesagt hatten. Eine Premiere, die schätzungsweise nur zu 60 Proztent ausgebucht ist, habe ich in Wildbad noch nicht erlebt. Da rächt sich leider die provisorische Spielstätte Trinkhalle; sie fasst zwar deutlich mehr Sitzplätze als das alte Kurhaus, aber die Baracke heizt sich enorm auf und ist wegen ihrer Leichtbauweise kaum für eine Klimaanlage geeignet, weil im wahren Sinn des Wortes nicht ganz dicht. Wer trotzdem kam, wurde belohnt: Pravos, lang anhaltender Applaus und strahlende Gesichter.





Ein beachtliches lyrisches Lebenswerk

SWR2 Buchkritik
Karin Kiwus: „Das Gesicht der Welt“, Gedichte
Verlag Schöffling & Co, Frankfurt a.M., 349 Seiten, 22,95 €

Das lyrische Werk von Karin Kiwus ist relativ schmal: Vier Bände sind die ganze Ernte eines Poetenlebens. Doch die haben es in sich. Das zeigen nicht nur Teilveröffentlichungen wie 1981 unter dem bescheidenen Titel „39 Gedichte“ als Reclam-Bändchen, obwohl nur wenige lebende Autoren die Ehre erfahren, hier veröffentlicht zu werden. Dass es dafür gute Gründe gibt, zeigt der neue Sammelband „Das Gesicht der Welt“.
70 wurde sie am 9. November 2012, es gibt keinen offensichtlichen Anlass für dieses Buch. Aber überzeugende Gründe, das Lebenswerk von Karin Kiwus im Zusammenhang vorzustellen. Für eine studierte Publizistin, Germanistin und Politikwissenschaftlerin mischt sie sich wenig in aktuelle Debatten ein. Ihr erster Lyrikband „Von beiden Seiten der Gegenwart“ erregte 1976 Aufsehen. Der zweite hieß 1979 „Angenommen später“ und bestätigte ihren künstlerischen Beobachterstatus. Es ging um kritisches Nachdenken über die Umwelt, vorsichtige Überprüfung persönlicher Erfahrungen, Ängste und Zweifel. Das allererste Gedicht, „Übung in freier Malerei“ beginnt so:

Was wir hier zu Papier bringen können
ist natürlich nur eine Skizze
ein erster Entwurf...
Ich zum Beispiel als eine Möglichkeit
male mir das Abbild einer Wirklichkeit aus
in der ich mich verlieben könnte
in die Narben eines Pfirsichkerns
um ihn einzuspeicheln zu bebrüten
ausbrechen zu lassen
und zu mir zu kommen unter seinen blühenden Zweigen
in einem durchgehend geöffneten Park der Stadt

Karin Kiwus verzichtet auf Satzzeichen, steht zum lyrischen Ich und greift große Traditionen in einem neuen Tonfall auf: frech statt feierlich, nachdenklich oder witzig, manchmal sarkastisch. Sie steht auch zu der Kunst, Wörter schöner als Wörter klingen zu lassen, um etwas darüber Hinausweisendes mitzuteilen.
Karin Kiwus ist eine Berliner Pflanze. Bis auf ein paar Jahre mit Lehraufträgen und als Verlagslektorin leitete sie die Abteilung Literatur der Berliner Akademie der Künste. Poesie ist bei ihr immer auf dem Sprung, ein Provisorium. Manchmal auch ein Flirt mit dem Leser:

...Hallo du
Wanderer warum
bist du weitab und so spät
noch unterwegs warum
starrst du mich so an
ich gefalle dir wohl
Dieser offene, nur scheinbar kokette Blick richtet sich nicht nur nach Innen, sondern oft auch auf ein Gegenüber, auf Bildungsbürgertum, Beziehungsfragen, Krankheit und Tod. Da kippt die Erkundung des Körperlichen von der Erotik ins Medizinische und vom Medizinischen ins Existenzielle:

...deine kleine verschwindende Stimme nun
komm schon gib einen Klagelaut
gar keine Herztöne heute nur
Schrittmacher wieder der unangleichbaren Zeit

Die zweite Hälfte des Buches kehrt zurück zu klassischen Zeichensetzung, der Ton wird dunkler. Die Kapitel „Das chinesische Examen“ und „Nach dem Leben“ entsprechen ihrem dritten und vierten Gedichtband, erschienen nach langer Publikationspause 1992 und 2006. Da finden sich Einflüsse von Kafka, Dalí, Ionesco und Beckett. Meditativ ist diese Poesie, zuweilen surrealistisch, absurd. Oft geht es ihr um die Umwandlung von Naturbildern in Erkenntnis, etwa im Titelgedicht „Das Gesicht der Welt“ für den deutsch-syrischen Maler Marwan:

...In der Dämmerung erst, im aufkommenden
Wind, wenn die Füchse bellen, im schimmernden
Tau über den Hügeln kehren Linien, Farben
und Kraft zurück. Hier auf einmal
aus dem Nichts stürzt höchste Anwesenheit.

Sie verwendet große Begriffe, doch gleichsam „geerdet“, spricht von einer „frei erfundenen Offenbarung“ oder von einer Jungfrau Maria, die nichts anfangen kann mit der Botschaft des Engels. Wenn sie den hohen Ton wieder findet, dann gebrochen und respektlos. Das ist große Dichtung. Dafür hat sie den „Orphil“-Lyrikpreis der Stadt Wiesbaden erhalten. Diese mit 10 000 EURO dotierte Auszeichnung wurde ihr am 6. Juni übergeben.

Montag, 7. Juli 2014

Musikalische Weltpremiere in Ludwigsburg: Countertenöre Jaroussky und Sabadus gefeiert

Das Ensemble L´Arpeggiata, Philippe Jaroussky und Valer Sabadus in Ludwigsburg

Das Forum am Schlosspark war bis auf den letzten Platz besetzt, als am 6. Juli die weltweit führenden Countertenöre Philippe Jaroussky und Valer Sabadus zum ersten Mal gemeinsam auftraten, zusammen mit dem herausragenden Barockensemble L´Arpeggiata der Wienerin Christina Pluhar. Das Publikum wollte eine Weltpremiere der Alten Musik erleben und wurde nicht enttäuscht. Das Konzert unter dem programmatischen Titel "Stabat Mater dolorosa" bot 100 Minuten Weltklasse: Arien von Georg Friedrich Händel und Antonio Caldara sowie das berühmte "Stabat Mater" von Giovanni Pergolesi. Ich werde vielleicht diesen Blog zu einer richtigen Rezensio n ausbauen, wenn mehr Zeit ist. Aber schon jetzt möchte ich sagen: Sabadus als Sopran und Jaroussky als Alt waren bekannt als vokale Weltspitze, doch was man hier zu hören bekam, war als Zusammenspiel kaum zu toppen. Mit einer solchen Kraft und zugleich einfühlsamen Empfindsamkeit der wunderbar melodischen Duette hatte kaum jemand rechnen können. Das Publikum reagierte auf die konzentrierte und doch auch spielfreudige Darbietung mit Bravos, Begeisterungsstürmen, nicht enden wollendem Applaus und Standig Ovations. Ich kann mich nur anschließen. Das war zum Weinen schön!


Rückblick: Klerikales & verlogenes Theater in Spanien

SWR2 Zeitwort 11.06.1765: Verbot der „Autos sacramentales“, kirchlicher Mysterienspiele in Spanien
© Widmar Puhl 

Autos sacramentales, das waren im theaterbegeisterten Spanien des 17. und 18. Jahrhunderts kirchliche Mysterien- und Fronleichnamsspiele: ungeheuer populär, geistig sehr anspruchslos, klerikal und von fanatischer Frömmigkeit. Die populärsten Autoren der „Autos“ waren Geistliche und auch sonst die Theater-Stars im spanischen „goldenen Zeitalter“: Calderón de la Barca und Lope de Vega. Trotzdem wurden sie am 11. Juni 1765 verboten.

Felix Lope de Vega Carpio und sein Nachfolger als Hofdichter, Pedro Calderón de la Barca, waren barocke Popstars. Weder Ehe noch spätere Priesterweihe hinderten die veritablen Skandalnudeln an zahlreichen Liebschaften, höfischen Intrigen und Duellen. Von Lopes 500 erhaltenen Stücken ist das bekannteste wohl „Der Richter von Zalamea“ in Calderóns Bearbeitung. Er schrieb aber auch frommen Kitsch wie „Die Taufe des Prinzen von Marokko“. Richtig Ärger bekam der alte Filou bei einer Fronleichnams-prozession durch Madrid. Da trug er die Monstranz und winkte seiner Liebsten zu, die im Fenster lag.
Vor allem Calderón ist in Deutschland bekannt. Eichendorff, Schlegel und Grillparzer haben seine Stücke übersetzt, Reinhold Schneider und Hugo von Hoffmannsthal bearbeitet. Der Romanist und Literaturhistoriker Manfred Tietz schrieb über diesen Autor:

Ab 1649 lieferte er ...der Stadt Madrid gegen gute Bezahlung die zwei Autos sacramentales, die jeweils am Fronleichnamsfest aufgeführt wurden. Calderón verfasste jedoch nicht nur den Text, sondern auch die Regieanweisung, in der die Bühnenaufbauten und ihr Einsatz bei der Aufführung festgelegt waren. ... Sollte dargelegt werden, dass allen Menschen von Gott die gleiche Gnade zuteil wird, so ließ er die Gestalt der Gnade jedem der Spieler eine Rose reichen.“

Abstrakte theologische Begriffe wie Glaube, Liebe, Hoffnung und Gnade wurden durch allegorische Rollen dargestellt. Der vulgo ignorante, das ungebildete Volk, war damals in Spanien nicht nur tief gläubig, sondern auch völlig verrückt nach Theater. Das wurde meistens auf Karren gespielt, die auf öffentlichen Plätzen Halt machten – sozusagen mobile Bühnen.
Aber gerade weil diese Form des Theaters so populär war, kam sie von zwei Seiten unter Beschuss. Erstens hatte die Inquisition an der Sinnlichkeit vieler Darbietungen eine Menge auszusetzen - geistliche Autoren hin oder her. Zweitens aber strotzten die Stücke vor theologischen Fach-begriffen und Spitzfindigkeiten bis hin zu blankem Aberglau-ben. Für Aufklärer ein Skandal. Noch einmal Tietz:

Die sehr großen Kosten dieser Inszenierungen, die jedes Jahr erneut entstanden, die Dunkelheit der Texte ...und ihre triumphalistisch barocke Religiosität hatten zur Folge, dass die Autos sacramentales 1765 verboten wurden.“

Immer öfter spielten anrüchige Schauspieler religiöse Rollen. Die Stücke verkamen zur platten Volksbelustigung. Vor allem aber sollte die Irreführung einfacher Leute durch die Effekthascherei eindrucksvoller Bühnentechnik ein Ende haben.
So wollte es auch König Carlos III., der wie Friedrich der Große ein Vertreter des aufgeklärten Absolutismus war. Er wollte das Theater für sich selbst als Propagandainstrument und nahm es der Kirche weg. Der Schriftsteller und Jurist Gaspar Melchor Jovellanos, den der König zum Staatsrat ernannte, lästerte im Kabinett:

Wie soll man in diesem Land hygienische Vorschriften durchsetzen, wenn sogar eine Herzogin von Medina Coeli ihrem kranken Sohn einen pulverisierten Finger des heiligen Ignatius eingibt, zur Hälfte als Suppe, zur Hälfte als Einlauf? Die Inquisition aber geht gegen jeden vor, der die Wunderkraft solcher Mittel zu bezweifeln wagt.“

Die weihnachtlichen Krippenspiele in Klöstern und Kirchen konnte der König nicht verhindern, auch nicht den Irrglauben an die Heilkraft von Reliquien. Aber am 11. Juni 1765 verbot er per Dekret die öffentlichen Mysterienspiele der Autos sacramentales. In Spanien, nicht in Oberammergau.

[Quellen: Hans-Jörg Neuschäfer(Hg.): Spanische Literaturgeschichte, Metzler Verlag Stuttgart 2001, S. 183, S. 200; Klaus-Dieter Ertler: Kleine Geschichte der spanischen Aufklärungsliteratur, Narr Verlag Tübingen 2003, S. 38, S. 152 f., S. 239; Real Cédula de 11 de junio de 1765 (Nationalarchiv Madrid; Antonia A. Bustos Rodríguez: Divertimentos en el siglo de oro español, S. 36 ff.]

Dienstag, 24. Juni 2014

Was ist Europa? - Essays Stephan Wackwitz

Stephan Wackwitz: „Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 248 Seiten, 19,99 EURO.

Die Länder am Schwarzen Meer und am Kaukasus waren seit der Zeit Alexanders des Großen griechische oder römische Provinzen. Das antike Königreich Kolchis auf dem Gebiet des heutigen Georgien gehörte einmal genauso zur mediterranen Realität wie Delphi oder Korinth. Noch im Ersten Weltkrieg kämpften deutsche Soldaten auf der Krim und im Kaukasus für eigene und europäische Interessen. Das haben wir vergessen, meint Stephan Wackwitz. Sein Buch „Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan“ wird gerade durch den russisch-ukrainischen Konflikt um die Krim hoch aktuell.
Eindrucksvoll beschreibt der Leiter des Goethe-Instituts in Tiflis, warum Reisen nach Georgien, Armenien und Aserbaidschan auch Zeitreisen in die Sowjetzeit, die Vormoderne oder gar die Antike sind. Diese Länder am äußersten Rand Europas sind uralte Kulturregionen. Sie haben sich nach dem Ende des real existierenden Sozialismus nicht zuletzt deswegen von der Sowjetunion gelöst, weil die Menschen dort europäisch oder asiatisch denken, aber nicht russisch. Doch ihr Weg in die Moderne ist schwierig und nicht immer geradlienig. Stephan Wackwitz ist fasziniert von der Allgegenwart historischer Mythen:

Den Berg Kasbeg, an den Zeus der griechischen Mythologie zufolge Prometheus schmiedete, kann ich an schönen Tagen aus meinem Bürofenster sehen.“

Georgien erinnert Wackwitz an das Italien seiner Studentenzeit. Da haben die Modernisierung, der EU-„Teuro“, Nepp, Massentourismus und Spekulantentum noch nicht über alles Altertümliche und Archaische gesiegt. Selbst die Küche erscheint dem Autor als Balanceakt zwischen Italien und Persien. Vor allem aber die Architektur vermittelt dem Augenmenschen Wackwitz dieses Gefühl. Die Sprache der Architektur ist zudem, anders als Georgisch, allgemein verständlich.

Die Basare. Die persische Architektur der Karawan-sereien, der Oper, der Kunsthochschule aus dem 19. Jahrhundert und der ins Unterirdische führenden Mineralbäder. Die prächtige, selbst-bewusst an einer Hauptstraße gelegene Synagoge der Altstadt. Georgien ist vielleicht das einzige Land der Welt, in dem es nie einen nennenswerten Antisemitismus gegeben hat.“

Einen ganzen Essay widmet Wackwitz den vernachlässigten Bushaltestellen aus Sowjetzeiten in Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Im Gegensatz zur Plattenbau-Einförmigkeit im Wohnungsbau oder dem erdrückenden Titanismus öffentlicher Prestigeprojekte konnten sich hier Vielfalt, lokale Traditionen und freie Phantasie fast ungestört austoben. Schwarzweißfotos davon durchziehen das ganze Buch, Augenfutter zwi-schen Alltags-Illustration und Poesie.
„Architekturkritik als Laienpredigt“ - der Untertitel eines Aufsatzes von Christian Demand im Herbstheft 2012 der Zeitschrift „Merkur“, ist so etwas wie ein roter Faden dieses Buches. Der Germanist und Historiker Wackwitz ist ein Flaneur mit Blick auch für die sozialen Geschichten, die Bauten erzählen.
Dieser Blick gilt Städten wie dem muslimisch geprägten Baku – und Landschaften. Neben der sowjetischen Musterstadt Eriwan beschreibt er so auch verfallene Industriekombinate und ein Kloster aus dem 10. Jahrhundert im kahlen Bergland Armeniens:

Die urtümlich monumentalen (dabei rührend kleinen) Kreuz-kuppelkirchen, Vorhallen, Bibliotheksgebäude, Kapellen und Grabsteine sehen aus wie herausge-wachsen aus dem schwarzen Felsengrund. Als hätte das dunkle Steinland hier architekonische Blüten getrieben.“

Intellektuelle aus Tiflis, so Wackwitz, gehören seit 200 Jahren zur politischen und kulturellen Avantgarde Europas. Bis zum Zerfall der Sowjetunion waren sie klassische Leser, heute sind sie eher optisch orientiert, Jobnomaden mit Notebook und Smartphone, vielsprachig, selbstbewusst, international unterwegs zu Kongressen, Vernissagen und Konzerten. Wackwitz stellt uns sein Lieblingscafé in Tiflis vor, die wichtigsten historischen Künstler und einige aus der Generation Facebook, die noch wichtig werden könnten.
Dieses Buch beschreibt Phänomene, die wir kennen, etwa die Verbaustellung der Städte und bürgerliche Protestbewegungen. Es hilft aber auch verstehen, wie fragil, weil ungewohnt, demokratische Freiheiten in dieser Region noch sind. Das liegt wie in Russland auch an der erschreckenden Intoleranz der orthodoxen Popen, die zur Menschenjagd auf Schwule aufrufen. Die orthodoxe Kirche hat wie der Islam niemals eine Aufklärung erlebt.
Das Buch ist ein nachvollziehbarer Appell an alle wachen Zeitgenossen: Interessiert Euch, nehmt Kontakt auf, lasst Euch bereichern von diesen fernen Nachbarn. Und man erfährt, warum sich das lohnt.

Passend zur WM: Lateinamerika plus im Lexikon

Das Lateinamerika Lexikon“, herausgegeben von Silke Hensel und Barbara Potthast, Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 368 Seiten, 24,00 €.

Ein Papst aus Argentinien, eine Fußballweltmeisterschaft in Brasilien und ein Drogenkrieg in Mexiko mit Zig-Tausend Toten lenken gerade alle Blicke auf Lateinamerika. Die Zerstörung der Regenwälder, die Ausbeutung der Bodenschätze durch Ausländer und Militärdiktaturen haben auch vorher Schlagzeilen ge-macht. Aber es hat sich einiges geändert. Da kommt das Lateinamerika-Lexikon gerade recht.
Die Rolle der United Fruit Company in den sprich-wörtlichen Bananenrepubliken hat jetzt Monsanto mit seinen Soja-Monokulturen übernommen. Bergwerke in Peru, Bolivien und Chile gehören nicht mehr US-Konzernen, sondern sind international oder wurden wie Venezuelas Erdöl verstaatlicht. Nicht dass der alte Rassismus schon tot wäre; aber die Ureinwohner treten selbstbewusster auf. Sie stellen Präsidenten und stiften nationale Identitäten durch Kultur.
Aus Dreck und Armut sind moderne Großstädte gewachsen, die Korruptionsstatistik führen jetzt andere an. Nach 300 Jahren Kolonialgeschichte und 200 Jahren Zwitterexistenz zwischen Großgrundbesitzer-Oligarchie und autoritärer Demokratie wird der Kontinent erwachsen. Lateinamerika braucht ein Update zum Nachschlagen: eben das Lateinamerika-Lexikon. Der Peter Hammer Verlag ist dafür ideal; dort erscheinen seit Jahrzehnten viele Bücher aus und über Lateinamerika. Die Herausgeberinnen zum Konzept:

Das Lateinamerika-Lexikon ist als Nachschlagewerk zur Orientierung all derjenigen konzipiert, die einen kompakten Überblick über kulturelle, politische, soziale und wirtschaftliche Entwicklungen mit historischer Tiefendimension erhalten möchten. 20 Länderartikel werden begleitet von Grundbegriffen und Konzepten, die für die Region zentral sind und teilweise aus Lateinamerika stammen.“
Das sind Begriffe wie „Afroamerikanische Religionen“ oder „Altamerikanische Kulturen“ als Sammelname für die Völker der Pueblo-, Azteken- oder Inka-Kultur. Vom ersten Stichwort - „Afroamerikaner“ - bis zum letzten - „Zivilgesellschaft“ - ist ein Denken in Zusammenhängen erkennbar. Die Zwangsmigration von Millionen Sklaven aus Afrika hat zuerst in Lateinamerika ein buntes Völkergemisch erzeugt, das wir heute als Folge der Globalisierung weltweit beobachten. Die Sklaverei verursachte aber auch historische Traumata und spezielle Wirtschafts- und Kulturformen, etwa Großplantagen oder Vodoo. All diese Besonderheiten werden wie die Staaten in alphabetisch geordneten Artikeln gründlich und allgemein verständlich abgehandelt. Ein Beispiel dafür ist die Beschreibung der politischen Gegenspieler von Militär und Parteien aus dem Argentinien-Artikel. Sie zeigt komplexe Muster:

Dazu zählen unter anderem kirchliche Organisa-tionen, die stark mit dem Peronismus verbundenen Gewerkschaften, die mächtigen Interessenverbände der Finanzen, der Industrie und des Agrar-sektors sowie die Medien. Unter den sozialen Bewegungen sind vor allem die Menschenrechtsorganisationen zu nennen, allen voran die Mütter der Plaza de Mayo, die in der dunkelsten Zeit der Diktatur wagten, die Miss-stände öffentlich anzuprangern.“

Argentinien ist das größte spanischsprachige Land der Welt und das zweitgrößte Land Lateinamerikas. Es weist mit einer Länge von 3604 Kilometern und einer größten Breite von 1423 Kilometern schon geographisch und klimatisch enorme Unterschiede auf. Subtropischer Hitze am Rio de la Plata stehen das endlose Grasland der Pampas, die Gletscher Feuerlands und der fast 7000 Meter hohe Andengipfel des Aconcagua gegenüber. Hier - Buenos Aires: Zentrum für Industrie, Handel, Kultur und Verwaltung mit über 15 Millionen Menschen. Da - eine unendliche, fast menschenleere Einsamkeit, in der auch die deutschen Sektierer und Kinderschänder der Colonia Dignidad Jahrzehnte lang unbehelligt bleiben konnten.

Unter jedem Artikel stehen wichtige wissenschaftliche Quellen. Das Lexikon ist interdisziplinär ausgerichtet, gedacht für Studierende und Fachleute wie Beamte, Entwicklungshelfer und Mitarbeiter internationaler Kon-zerne. Zur Zielgruppe gehören aber auch Urlauber oder interessierte Menschen. Wer zum Beispiel ein-fach wissen möchte, warum die Opfer des Erdbebens von 2010 auf Haiti trotz internationaler Milliardenhilfe bis heute in Zelten hausen, ist hier genau richtig. Denn das Ganze ist aktueller als der BROCKHAUS und gründlicher bearbeitet als die meisten Einträge bei WIKIPEDIA.

Den Anstoß für das Lexikon gab die Landeszentrale für Politische Bildung in Nordrheinwestfalen. Sie schuf mit dem Verlag und den Herausgeberinnen von den Universitäten Köln und Münster ein dichtes Netz von Autoren, Übersetzern, Redakteuren und Beratern. Die sitzen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Lateinamerika, den USA und im europäischen Ausland. Das Ergebnis ist bemerkenswert homogen auf einem gleichbleibend hohen Niveau.

Sonntag, 22. Juni 2014

Gautier Capucon in Ludwigsburg: ein Paganini am Cello

Gautier Capucon (links) und Frank Braley beim Signieren
Am 21. Juni gab es im Ordenssaal im Residenzschloss Ludwigsburg wieder ein großartiges Konzert: Der "junge Wilde" am Cello, Gautier Capucon (links im Bild), spielte mit seinem Klavierpartner Frank Braley Werke von Claude Debussy, Franz Schubert, Robert Schumann und Benjamin Britten. Die beiden Franzosen verstehen sich blendend und zeigten sich in spritziger Spiellaune.
Die Cellosonate von Debussy zum Auftakt war mit ihren formal sehr freien, teils jazzigen drei Sätzen schon ein Hinweis auf große Interpretationskunst. Nicht nur virtuose Beherrschung des Cellos von Mattro Goffriler aus dem Jahr 1701 und des etwas neueren des Steinway-Flügels war angesagt, sondern auch eine Mischung aus Werktreue und viel Spaß am musikalischen Dialog. Mal gab Gautier das Tempo vor, mal Braley, mal führte der eine, mal der andere. Vor allem die "Serenade", eine kokette Parodie auf die deutsch-österreichische Romantik, und auch das furiose Finale stellten dabei höchste Ansprüche an das großartig eingespielte Duo.
Dann folgte die Romantik selbst. Sehr ernsthaft, aber in keinem Augenblick devot, interpretierten die beiden eine Bearbeitung von Franz Schuberts Sonate a-Moll für Arpeggione und Klavier. Auch hier fulminante technische Höhepunkte, zumal im empfindlichen Adagio, und brillante Abstimmung bei den temperamentvollen Passagen. Nach der Pause folgten Robert Schumanns Fantasiestücke op.73 für Violoncello und Klavier - zart und mit Ausdruck, lebhaft und leicht, rasch und mit Feuer: das sind nicht meine Wertungen, sondern die Regieanweisungen des Komponisten. Doch sie waren hier wirklich hörbar, und das zeigt wahre Meisterschaft. Hier ist Raum für Improvisation und Witz, den dieses Duo zu nutzen weiß, nie aber für Süßliches. Romantik muss ja keineswegs immer melancholisch sein; das hier jedenfalls war pure Lebensfreude nach Noten.
Zum krönenden Abschluß dann die Sonate C-Dur op. 65 für Violoncello und Klavier von Benjamjn Britten. Der britische Pianist und Komponist Britten erhielt den Anstoß dazu 1960 von dem russischen Cellisten Mstislaw Rostropowitsch auf Vermittlung von Dmitti Schostaklowitsch. Der Meister bat um eine Komposition und bekam sie - seinen Fähigkeiten und seinem Temperament entsprechend. Was der führende Cellist seiner Zeit nicht wusste: Es wurde zur neuen Inspirationsquelle für Britten und der Beginn einer langen und fruchtbaren Künstlerfreundschaft. 1961 beim Edinburgh Festival spielten die beiden die Uraufführung. An diesem Abend war es, als säßen zwei jüngere Neuausgaben auf der Bühne. Damals mit viel Whisky, Witz und Begeisterung geschrieben, nun die kongeniale Interpretation - nur ohne Whisky. Ein ganzer Satz im Pizzicato gezupft - wo gibts das sonst in einer Cellosonate? Und so einfallsreich die Musik, so ausdrucksstark, humorvoll, technisch brillant und spielfreudig war auch die Darbietung mehr als ein halbes Jahrhundert später bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Da haben sich zwei gefunden wie 1960 Britten und Rostropowitsch.
Das Publikum dankte es mit anhaltendem Applaus, vielen Bravorufen und zuletzt Standing Ovations. Schließlich noch eine Zugabe: irgend eine Paganini-Version eines Motivs von Rossini - hinreißend. Da war im Kern das ganze Konzert noch einmal drin. Und gleich auch das Stichwort für meine Schlagzeile: In der Tat, dieser Capucon ist ein Paganini am Cello!



Freitag, 13. Juni 2014

Virtuos und vielseitig: Igor Levit und die Cremerata Baltica in Ludwigsburg

Igor Levit und das Streichorchester Cremerata Baltica in Ludwigsburg






















Virtuos und vielseitig war der Auftritt des Pianisten Igor Levit mit dem Streichorchester Cremerata Baltica am 11. Juni im Forum am Schlosspark Ludwigsburg. Ohne Dirigenten kommunizierten der Deutschrusse und das von Gidon Cremer gegründete Orchester so spielfreudig, konzentriert und innig miteinander, dass sie den Zuhörern schon ein sehr ungewöhnliches Erlebnis boten.
Dabei zeigte sich das Orchester nach der einleitenden Bearbeitung von Franz Schuberts Quartettsatz c-Moll steigerungsfähig wie der Solist: Das Klavierkonzert Es-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart verlangt schon per se außerordentliche Fähigkeiten. Levit setzte aber noch eins drauf und ging an die Grenzen des Möglichen - wenn nicht streckenweise darüber hinaus. Vom Pianissmimo bis zum furiosen Tutti war das schon keine Mozart-Interpretation mehr, sondern eine Demonstration dessen, was dieser Komponist sein KANN. Wie sich Orchester und Pianist hier abstimmten und aufeinander eingingen, war ein musikalischer Dialog unter Großen. Dass nach der Pause noch eine Steigerung geben würde, hatte niemand erwartet.
Es war aber noch ein Crescendo möglich- zumindest in Sachen Temperament und Brillanz am Steinway-Flügel. Der Solist demonstrierte mit Verve, wie man sich auch in 7 Minuten an den Tasten die Finger brechen kann, wenn man nicht Levit heißt. Er tat´s aber nicht, sondern stürzte sich in die Musik wie ein Bobfahrer in den Eiskanal, hämmerte, tastete, streichelte, schlitterte beherzt und kontrollidert durch das Stück "Young Apollo für Klavier und Streichorchester von Benjamin Britten. Die treibende Energie kam hier ganz von Levit und riss Orchester und Publikum mit. Wenn Neue Musik nur immer so wäre - wir wollten kaum noch anderes hören. Das war fast schon Jazz, aber auch irgendwie mehr, und zeigte einmal mehr Levits Beherrschung des Instruments und der Stimmenvielfalt im Wechselspiel mit dem Orchester.
Nach einer grandios stimmigen Serenade für Streichorchester C-Dur von Peter Tschaikowsky, bei der auch die Cremerata Baltica zeigte, dass bei diesem von Gidon Cremer gegründeten Ensemble nur exquisite Solisten im Team spielen, kehrte Levit für eine sehr emotionale Zugabe noch einmal zurück aufs Podium. Es gibt zwar Musik, die mich persönlich mehr packt als die "North American Ballads" von Frederic Rzewski; aber als der Mann nach dem Mikrophon griff, der sonst nur Musik sprechen lässt, und von seinem Lieblingskomponisten erzählte, war auch das eine ungewöhnliche Einstimmung auf die Ballade "Which Side are You on?" aus der Zeit der Gewerkschafterverfolgungen unter McCarthy in den USA. Volksliedhafte Vorgaben mündeten in neutönende Kadenzen und jazzige Rhythmen, Disziplin verband sich mit freier Improvisation. Auch so können Freiheitslieder klingen: Bravissimo! Dieser Abend war ein Glanzlicht der Ludwigsburger Schlossfestspiele.

Sonntag, 6. April 2014

Ein Grandseigneur der Literatur: Siegfried Lenz in Marbach


Ulrich Greiner (DIE ZEIT), Siegfried Lenz, Ulrich von Bülow und Ulrich Raulff (beide DLA)


Heute war Siegfried Lenz im Deutschen Literaturarchiv Marbach (dla), um sein persönliches Archiv in die Obhut der Spezialisten zu geben. Das war für viele Freunde der Literatur und Verehrer des Erzählers Siegfried Lenz (88) ein großer Tag. So brechend voll ist es in diesem Heiligen Hallen selten. Es muss ja auch fast jeder eine ziemliche Reise in die Provinz tun dafür. Eine ziemliche Ulricherei wurde das, aber so etwas plant man nicht, das passiert und wird halt beschmunzelt:

Marbacher Auditorium für Siegfried Lenz
Begrüßt von Ulrich Raulff, dem Direktor des dla und im Gespräch mit Ulrich Greiner (DIE ZEIT) und Ulrich von Bülow (dla-Archivleiter) erzählte der greise Schriftsteller eindrucksvoll von seiner Arbeit, seinen Erfahrungen und seiner Sicht auf die Beziehung zwischen Autor und Leser: Der Autor mache immer nur ein Angebot, spreche "eine Einladung ins Ungefähre" aus, und das Spannende sei, dass der Leser weitermachen könne mit der Phantasiearbeit. So etwas könne kein Film leisten, weil Bilder viel stärker festlegen als ein Text. Der Texte gebe dem Leser ein Maximum an Freiheit. Das hörten wir alle nicht zum ersten Mal, denn schließlich darf ich davon ausgehen, dass nur Leser kamen. Aber so nett als Komplize der Kunst apostrophiert zu werden, das schmeichelt doch enorm. Grass macht so was nie.

Siegfried Lenz signiert

Nach anderthalb Stunden tat Lenz dann, was Autoren am zweitliebsten tun, nachdem sie Geschichten erzählt haben: Er signierte Bücher. Freundlich, gütig, unermüdlich, unerschütterlich: Ein Grandseigneur eben. Für den wurden, wie für Altbundeskanzler Helmut Schmidt, eigens die Feuermelder ausgeschaltet, damit er rauchen konnte. So wünschen wir ihn uns noch viele Jahre!
So ernst wieLenz nehmen nur wenige Autoren ihr Publikum, und das honorieren die Leute. Sie kaufen die Bücher, sie strömen in Lesungen und sie halten einem Dichter lebenslang die Treue, auch wenn er keine politischen Schlagzeilen macht. Vielleicht sogar gerade deswegen.
Als Erzähler hat so einer mehr Einfluss als der Bundespräsident. Vor allem wenn er berichtet, wie für ihn "Sachkunde die Voraussetzung für Literatur" wurde. Das sollte manch anderer mal beherzigen, bevor er den Mund aufmacht. Und dass Lenz ein Erzähler mit Leib und Seele ist, durften die Zuhörer selbst erleben.
Mit nachlassender Stimmkraft (deshalb wurden Ausschnitte seiner Werke von anderen gelesen), aber mit viel Seele erzählte er spontan eine "Liebesgeschichte" im Keim, norddeutsch, unfertig, zauberhaft: Trifft eine junge Dame am Bahnhof einen Fahrkartenautomaten und wird schnöde abgewiesen. Kommt ein junger Mann und hilft ihr galant - erfolgreich im ersten Anlauf. Sie belohnt ihn spontan mit einem Kuss. Sie meint nämlich, das sei angemessen. Er aber versteht´s gar nicht oder gänzlich falsch und schüttelt noch eine ganze Weile darüber den Kopf, während er im Bahnhofsrestaurant sein Bier austrinkt. Macht was draus, Leute!

Ein Wermutstropfen im Wein dieser Veranstaltung muss aber doch sein: eine permanent knachsende, krachende Lautsprecheranlage mit ungewollten Stereoeffekten ist alles andere als professionell. Und die Texte von Lenz hätte man besser einen erfahrenen Schauepieler lesen lassen als die junge Stuttgarter Schauspielerin Nathali Thiede. Denn die ist zwar ausnehmend nett anzusehen, hat eine schöne Stimme und kann durchaus sprechen, hatte sich aber offensichtlich mangels Erfahrung dem Druck gebeugt, wie Storms Schimmelreiter durch die Texte zu hetzen. Das hat niemandem gut getan: Lenz nicht, der kein Theodor Storm ist, ihr nicht, weil zu einem alten Erzähler eine junge Frauenstimme höchstens als Kontrastmittel passt, und den Zuhörern auch nicht. I was not amused.

Donnerstag, 27. März 2014

Martin von Arndt stellt seinen Thriller "Tage der Nemesis" vor

Martin von Arndt und Moderatorin Silke Arning

Martin von Arndt mit Moderatorin Silke Arning bei der Ur-Lesung aus seinem neuen Roman "Tage der Nemesis" (ars vivendi Verlag, Cadolsburg, 270 Seiten, 14,99 €). Das Besondere: Das LeseCafé der Stadtbibliothek Stuttgart war brechend voll - trotz Streik im öffentlichen Nahverkehr.
Der Plot: Im Frühjahr 1921 wird der ehemalige türkische Staatsführer Talât Pascha erschossen. Kommissar Andreas Eckert, selbst im Krieg traumatisiert, erkennt in dem Toten einen der Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern aus dem Jahr 1915. Er merkt schnell, dass mit verhafteten Attentäter, der behauptet, eines dieser Massaker traumatisiert überlebt zu haben, etwas nicht stimmt. So kommt er rasch einer Organisation auf die Spur, die das Ziel hat, alle Entscheidungsträger von damals zu töten. Denn Deutschland hat ihnen ermöglicht, in Berlin unterzutauchen, obwohl sie in der Türkei wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt wurden. Daher der Codename: Nemesis ist in der griechischen Mythologie die Göttin des gerechten Zorns.
Ein spannender Thriller über ein türkisches Tabuthema, über Deutschlands Verwicklung in ein historisches Verbrechen und über die ideologischen Gräben in der Weimarar Republik. Ein historischer Roman von großer Aktualität und moralischer Wucht. Mit einem traumatisierten Helden, der keiner ist und als halber Italiener den Irrsinn des Nationalismus deutlich erkennt, der aber aus seinen Schwächen manchmal auch Stärken macht. Geschrieben ist das Ganze enorm spannend, mit Witz, Bosheit und wo nötig auch Schärfe in Urteil und Ton. Eine brillante Doku-Fiction: Die Fakten belastbar, die Sprache poetisch und dicht.

Samstag, 1. März 2014

Stuttgart 21 zerstört auch die Schwäbische Alb

Unterer S21-Tunnelanstich bei Wendlingen am Aufstieg zur Schwäbischen Alb



Gestern fuhr ich von München mit dem Pkw über Ulm heim nach Stuttgart. Mitten im Naturschutzgebiet Schwäbische Alb überraschte mich eine riesige Abraumhalde samt zwei "schönen" Tunnelröhren, aus denen das Zeug stammt (Blick von oben!). Leider gab es keine legale Möglichkeit zum Halten und Fotografieren. Ich hab dann den unteren Tunnelanstich bei Wendlingen von einem Parkplatz aus fotografiert, aber da stört eine Baumgruppe die Sicht und die Abraumhalde verdeckt die Tunnelröhren. Absicht?

Tunnelanstich Stuttgart-Fasanenhof

Das Nah-Foto hab ich vor der Einfahrt nach Stuttgart Degerloch mit der Tunnelbohrung Fasanenhof nachgeholt. Hier ermittelten Zoll und Staatsanwaltschaft übrigens schon wieder wegen Lohndrückerei durch Sub-Subunternehmen. Ohne kriminelle Energie lassen sich nicht einmal die explodierten Kosten halten. So macht Stuttgart 21 noch die schönsten Landschaften endgültig kaputt. Stadt und Land bluten derweil auch finanziell aus, denn statt Arbeitsplätze zu schaffen, beuten die Betreiber Ausländer aus - aus Rache gegen den Widerstand gegen ihr größenwahnsinniges und verfassungswidriges Projekt. Die Bahn hat bis heute nicht einmal die Bauern bezahlt, denen Land für die irrsinnigen, z. T. noch nicht einmal genehmigten und nutzlosen Baustellen weggenommen wurde. Man muss halt ab und zu eine Stadt und eine Region zerstören, um neue Bauaufträge zu beschaffen und den Spekulanten was zum Spekulieren zu geben. Ein Bahnhof? Ein neues Stadtviertel im Grünen? Günstige Mietwohnungen und 10 000 neue Arbeitsplätze? Ätschebätsch, alles Quatsch!

Sonntag, 16. Februar 2014

Software-Riesen wälzen Problemlösungen auf PC-Hersteller ab

Shr geehrtes Sercice-Team bei Acer,
für Ihr Engagement nach dem "Selbstmord-Update" bei iTunes möchte ich mich mal ausdrücklich bei Ihnen bedanken. Einen Tag nach Ihrer Antwort auf meine Anfrage kam ein korrigiertes Update von iTunes, das die angerichteten Schäden behob. Ich weiß zwar nicht, was ohne meine eigene PC-Wiederherstellung mit Kollateralschäden geworden wäre, aber immerhin: Ich kann wieder meine abonnierten Podcasts bekommen und habe eine einleuchtende Erklärung erhalten (extrem selten in  der Branche). Damit haben Sie wesentlich mehr Kundenfreundlichkeit als Apple gezeigt. Die Firma hat sich bei ihren Kunden für das Desaster nicht einmal entschuldigt - übrigens auch Android nicht. Die Google-Tochter hat einen Tag nach der Katastrophe bei iTunes mit Kies 3 eine neue Variante ihres Synchronisierungsprogramms Kies verteilt, die ebenfalls nicht funktioniert, und bis heute kam keine reparierte Neufassung. Da haben´s die sonst so cleveren Nachahmer anscheinend übertrieben...

Dienstag, 11. Februar 2014

Apple zerschießt seine eigene Software beim Update

Liebe Freunde, Apple schießt sich gerade mal wieder selbst ab: Vor einer Woche bekam ich ein automatisches Update von iTunes, das ich als Podcaster seit 10 Jahren nutze. Daraufhin lief das Programm nicht mehr, ließ sich auch nach Deinstallation und erneuten Uploads nicht wieder starten. Alles was kam, war eine Fehlermeldung und der Hinweis "Sie werden informiert". 
Ich wurde nix. Apple bietet gar nicht erst einen Support für seine Softwarekunden an, denen die Firma ja über den Apple-Store jede Menge Musik, Apps und anderes Zeug verkaufen will - nur für Hardware mit Registrierung. 
Also schrieb ich an die coolen Typen vom Windows-Support, weil es ja theoretisch hätte sein können, dass etwas mit meinem Betriebssystem nicht stimmt - das gab mir nämlich seitdem bei jedem Start auch eine Fehlermeldung (Runtime Error. Das Problem konnte ich durch eine Wiederherstellungsaktion mit einer Programmversion drei Tage zurück selbst beheben). Die faulen Kerle von Microsoft haben mich an meinen Gerätehersteller weitergeleitet, dem ich das Poblem sicherheitshalber auch gleich meldete (obwohl, was hat der damit zu tun?). Und o Wunder, da waren die Leute richtig auf Zack. Kaum war das Wochenende rum und hatte ich einen Tag am PC verloren, kam die wundersame Nachricht:

"Das von Ihnen beschriebene Problem wird durch das Update für die iTunes Software verursacht, Herr Puhl. Es gibt hierzu bereits aktuelle Interneteinträge, die sich mit dieser Problematik befassen. Sie finden unter folgendem Link eine Lösung für diesen Fehler:

http://winfuture.de/news,79932.html



Auch die Firma Apple hat mittlerweile eine Anleitung zur Deinstallation und Neuinstallation der Software herausgegeben:

http://support.apple.com/kb/HT1925?viewlocale=de_DE


Sollte das Problem sich auf die angegebene Weise nicht beheben lassen, bitten wir Sie, uns erneut zu kontaktieren. Wir werden dann die weiteren Möglichkeiten mit Ihnen durchgehen."

Was täten wir nur ohne deutsche Vertragspartner von großen US-Softwarefirmen und fleißige Gratis-Freizeit-Reparateure? Dass mir die Firma ungefragt mein iPhone auf Werkseinstellungen zurücksetzte, hab ich auch schon erlebt. - Kein iPhone mehr also. Jetzt aber scheint es mit dem Vorzeigebetrieb der Branche endgültig bergab zu gehen. Tolle Strategie zum Vertreiben von Kunden!!

Sonntag, 9. Februar 2014

Von meinem Bücherbord

Der jiddische Dichter Abraham Sutzkever wurde 1913 in Smorgon geboren und lebte ab 1920 in Wilne oder Wilna/Wilnius. Der Amman Verlag in Zürich hat 2009 das Lebenswerk dieses Mannes veröffentlicht, der sei 19344 zur Avantgarde des jüdischen Dichterkreises "Junge-Wilne" gehölrte, 1941 mit seiter Familie uns Getto kam und 1942 zu den Partisanen ging. Seine Lebensgeschichte schrieb er 1944 in Moskauz. 1947 gelang es ihm, nach Israel auszuwandern. Er starb 2010 mit 96 Jahren in Tel Aviv.
Beide Bücher gibt es in einem Schuber, denn sie gehören eng zusammen. Der Übersetzer Hubert Witt hat vor allem bei den Gedichten zu viel Respekt vor der Autorität des Autors und lässt ihm auch große Schwächen durchgehen. Er ist kein Nachdichter, der ein Gespür für wirklich treffsichere, stilistisch elegante Verse und stimmige Rhythmen hätte, er ist nur Übersetzer. Aber das ist für diese Epitaphe des Judentums von Litauen nur ein stilistisches Problem. So finden sich aus der Sicht des Lyrikers zwar bloß einzelne Perlen in vielen verdorbenen Austern. Dieses literarisch-stoilistische Problem ist aber ein Gewinn für die historische Wirkung. Das gilt doppelt bei der Autobiographie über das Leben im Getto und den bewaffneten Widerstand - erst dort, dann in den Wäldern. Beide Bücher sind buchstäblich mit Blut und Tinte geschrieben. Sutzkever wurde jeder schöngeistige Pazifismus brutal ausgetrieben. Sie atmen das unmittelbar durchlebte Trauma, sind einzigartige Zeugnisse der Nazi-Tötungsmaschine und nicht nur des jüdischen Überlebenswillens. Sie dokumentieren auch den enormen Stellenwert dere Kultur in diesem Überlebenskampf.
Kultur ist systemrelevant: Gerade darum haben die Nahzis versucht, die jüdische Kuktur mit den Menschen auzurotten. Und gerade darum haben Sutzkever und seine Mitstreiter jahrelang unter Lebensgefahr Kulturarbeit im Getto gemacht, Schulen und eine Universität betrieben, Literatur, Musikinstrumente, Bilder, ja ganze Bibliotheken gerettet.
Abraham Sutzkever: "Gesänge vom Meer des Todes" (191 S.) und "Wilner Getto 1941 - 1944" (271 S.), Amman Verlag, Zürich 209, 34,95 € im Schuber



Mario Vargas Llosa: "Ein diskreter Held", Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 381 S., 22.95 €

Eigentlich beschreibt der Autor hier die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Helden unserer Zeit: Da ist zum einen der Bankier Rigoberto, der seinen Freund und Ex-Chef Ismael entschieden gegen zwei habgierige Halunken und Erbschleicher verteidigt, die zufällig dessen leiblichen Söhne sind und völlig durchdrehen, als ihr Vater seine junge Haushälterin heiratet und die missratenen Früchtchen enterbt. Und da ist Felícito, unglücklich verheiratet, erfolgreicher Liebhaber einer jungen Mätresse und Inhaber einer erfolgreichen Transportfirma, der entschlossen einer anonymen Schutzgelderpressung die Stirn bietet. Die befreundeten Bankiers leben in Lima, Felícito in Piura. Doch sie alle eint nicht nur die Vorliebe für jüngere Frauen und ein gewisses Macho-Gehabe, sondern auch eine Art altertümliche Moral, die im krassen Gegensatz zur leichtlebigen Generation der Erben steht: Fleiß, Anstand, Loyalität und Großzügigkeit gehören ebenso dazu wie Respekt vor Bildung und Verachtung der Korruption. Wie sich herausstellt, haben sie aber noch mehr gemeinsam:
Auch der Busunternehmer wird von seinem eigenen Sohn erpresst, und zu allem Überfluss hat seine (wie man lesen wird, zu Recht) ungeliebte und höchst bigotte Gattin ausgerechnet jene hübsche, nette Haushälterin zur Schwester, die durch die Liebe des Bankiers Ismal vielfache Millionärin geworden ist. Auf der Flucht vor den Attacken der rabiaten Stiefsöhne gewährt ihr die ansonsten höchst unsympathische Schwester Asyl. Nichts ahnend verbringt sie mehrere Tage und Nächte hinter den Mauern eines ebenfalls belagerten Hauses. - Ein hübsch ausgedachter Plot mit typisch lateinamerikanischen Ingredienzien, gewürzt mit einer guten Portion Bildungsroman und Berrachtungen über die Natur des Bösen und der Freiheit und einem großzügigen Schuss Humor. Typisch Vargas Llosa: Der alte Kater lässt das Mausen nicht. Und so ganz nebenbei sehen ungehobelte junge Rammler im direkten Vergleich mit kultivierten, einfühlsamen Old-School-Liebhabern ziemlich alt aus.


Etel Adnan: Arabische Apokalypse. Ein Gedichtzyklus. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 70 S., 22,95 €

Vorweg gleich eins: Wer sich über den hohen Preis für dieses schmale Bändchen wundert, muss die Kunst berücksichtigen. Es steckt voll von Grafiken und Zeichnungen, die als Gestaltungselemente sogar jede einzelne Textseite durchziehen. Der Anfang kommt daher wie ein verspäteter arabischer Versuch in Dadaismus. Das Ganze entpuppt sich aber schnell als wortgewaltiges und bildstarkes Klagelied auf den von Bürgerkriegen zerrissenen Nahen Osten.
Etel Adnan  wurde 1925 in Beirut geboren und lebt in Paris. Sie ist Malerin durch und durch und eine sprachmächtige Poetin, die das kaum Sagbare oder gänzlich Unsagbare in Piktogrammen aufs Papier bringt. Dazwischen entwickelt sie mit Lakonie und Sinn für Aberwitz ihre Sprachbilder von einem Kosmos, der aus den Fugen ist, in dem alltägliches menschiches Leiden und Sterben in Beirut und Damaskus, Bagdad und Kairo galaktische Dimensionen annimmt. Keine Einschlaflektüre, sondern starker Tobak: Pflichtlektüre für alle, die ein Psychogramm des Wahnsinns Nahost suchen.




Sonntag, 2. Februar 2014

Von meinem Bücherbord

Krankheit kann auch ihr Gutes haben und ist gelegentlich umständehalber kaum von Faulheit zu unterscheiden. So war es mit meinem "Kreativurlaub" zum Jahresende 2013: Drei Wochen war ich auf mich selbst und das Lesen zurückgeworfen - wunderbar. Denn ich hatte diverse kleine Operationen eingeplant und auch alle erledigt. Nur mit den vielen Kontrollbesuchen bei Ärzten und Kliniken hatte ich nicht gerechnet. Und auch nicht, ehrlich gesagt, mit den anhaltenden Schmerzen und Behinderungen im Alltag durch die Folgen der ambulanten Chirurgie. Da trat ich die Flucht in den Stressless-Sessel an und widmete mich lange liegen gebliebenen Büchern.

Anna K: "Total bedient. Ein Zimmermädchen erzählt" (Hoffmann und Campe, Hamburg 2012, 221 Seiten, 16,99 €) ist eine ziemlich schonungslose, aber dennoch unterhaltsame Sozialreportage von unten. Wie es zugeht beim Bettenmachen und in der Hotel-Hierarchie, hat die Autorin wirklich gut beschrieben. Und sie bleibt aus guten Gründen anonym, denn sonst müsste sie Ärger befürchten - auch wenn sie inzwischen das Fach gewechselt hat.
Von primitiver Anmache und arbeitsrechtlich fragwürdigen Abmachungen erzählt sie, von Akkordarbeit und miesen Löhnen, von Zicken an der Rezeption mit scheinheiligem Lächeln nur für zahlende Gäste, von knauserigen und großzügigen Tringeldern und dem, was dahintersteckt. Aber auch von der Kameradschaft unter den Putz- und Dienstsklavinnen der Beherbergungsbranche und von der Tasse Kaffee, die zur Gelegenheit für Seelsorge und
Gewerkschaftsarbeit wird.
Wer sich auch nur eine Spur für die stets freundlichen Menschen interessiert, die im Hotel für uns auf- und hinter uns herräumen, den Zimmerservice erledigen und doch meistens unsichtbar bleiben, sollte dieses Buch unbedingt lesen! Das ist kein Schlüsselloch-Report, sondern ein längst überfälliger Blick hinter die Kulissen potempkin´scher Dörfer weiblicher Arbeitswelten.



"Schulden. Die ersten 5000 Jahre" von David Graeber (Klett-Cotta Verlag Stuttgart 2012, 600 Seiten, 16,95 €) ist eine gnadenlose Abrechnung mit den Formen von Finanzsystem und Wirtschaftspolitik, die uns seit 2008 die große Krise bescheren. Der ehemalige Yale-Antrhropologe und bekennende Anarchist lehrt heute am Goldsmith-College in London, der Hauptstadt verfehlter Banken- und Börsenideologie. Er gilt als Vordenker der bankenkritischen Occupy-Bewegung, und seine zentrale These lautet: Schulden sind das Normalste auf der Welt, aber der gewalttätige Zwang, sie um jeden Preis zurückzuzahlen, ist moralisch, politisch und historisch gesehen ein Verbrechen. Vor allem der Zinswirtschaft hat Graeber den Kampf angesagt, weil sie gewalttätig ist und zu Sklaverei führt.
Alle großen Religionen haben Zinsen verboten oder stark eingeschränkt. Trotzdem kam das Übel immer wieder zurück, weshalb schon im alten Mesopotamien und Ägypten alle 30 Jahre sämtliche Schuden erlassen und alle Sklaven befreit wurden. Bloß ein paar neuzeitliche Geld-und Finanzideologen haben alles über Bord geworfen, was für die Menschheit 5000 Jahre lang befreiend und auch wirtschaftlich nützlich war. Vom Mythos Tauschhandel über Geld und den Gold-Standard bis zum Derivatehandel am Computer: Die Geschichte der Schulden ist die Geschichte eines Irrtums über das Wesen von Leistung und Gegenleistung. Wer es noch nicht wusste, hier kann er nachlesen, warum: Zins und Zinseszins sind eine Perfidie ohne Zukunft.

"Salamander" von Jürgen Lodemann (Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2011, 384 Seiten, 22 €) ist ein Roman über Freiburg, über die Liebe und die Freiheit und außerdem ein ganz veritabler Krimi. Wieso?
Eine schöne Studentin, die der betagte Schriftsteller Harry Holterhoff in Freiburg bei sich wohnen lässt, heißt Undine und ist genau das, was die Sage von Wesen dieses Namens behauptet: ein Zwitter, ein "SheMale" oder "LadyBoy". Außer dem Autor sellbst hat sie zwei Verehrer: der eine mit türkischer, der andere mit US-Herkunft. Als der eine den anderen ermordet, übernimmt die Bundesanwaltschaft. So weit der Krimi.
Im Weiteren geht es um Sexualiät, um eine Freiheitsoper von 1848, um die Einmischung des alten Schriftstellers in Politik, um Stalking und Terrorismus, aber auch um den Tod und eine Stadt, die zwar am Rande des Schwarzwaldes liegt, aber nicht am Rand der Welt.
Ich-Erzähler Holterhoff bringt seine Geschichte mit viel Humor und Lebenserfahrung an den Leser. Dazu gehört vor allem eine ganz (un)gehörige Portion Misstrauen gegenüber geheimen und zentralen Ermittlungsbehörden, eine herrliche Widersetzlichkeit des freien Geistes. Leute, so wünsche ich mir zornige Alte!