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Montag, 5. Mai 2008

Was treibt der Kerl eigentlich so lange?

Seit Februar bin ich öfter in Verzug geraten mit der Aktualisierung dieses Blogs. Es war einfach zu viel los. Erst musste ich die Reportage "40 Tonnen Freiheit - aus dem Leben eines Fernfahrers" fertig produzieren, die heute bei SWR2 "Leben" gesendet wird. Dann war ich im März bei den Rauriser Literaturtagen, über die ich noch etwas mehr verspreche - aber mit Zeit. Derweil das eine oder andere Foto, das auch einen Eindruck vermittelt von einem Literaturfestival in den Österreichischen Tauern, 900 Meter hoch in einem Dorf mit 1800 Einwohnern, von denen sich ungewöhnlich viele für Literatur und Autoren begeistern. Sogar ein Friseursalon dekoriert sein Schaufenster mit Büchern und startet die Aktion "Lesen beim Friseur" mit den Titeln der eingeladenen Dichter. Wenn die im Gasthof Grimming oder schräg gegenüber im "Platzwirt" auftreten, kommen bis zu 600 Leute! 5 Tage lang lesen bekannte und unbekannte Schriftsteller aus ihren Büchern und Manuskripten - ein echtes Literaturfest.

Da zischt zwar mal der Bierhahn in die Poesie oder klappern Messer und Gabel hungriger Zuhörer, aber die Atmosphäre ist einmalig autenthisch. Im Publikum vertreten sind die Einwohner des Rauriser Tals, aber auch Zugereiste aus dem ganzen Salzburger Land, Studenten und ihre Professoren aus Innsbruck, Salzburg und - man höre und staune - Klagenfurt, wo man meinen könnte, alles konzentriert sich auf den telegenen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Dazu kommen gelegentlich Skitouristen, die einfach neugierig werden und hängen bleiben, vor allem abends. Die Autoren selbst schätzen die intime Atmosphäre und die persönlichen Begegnungen untereinander und mit Verlegern, Journalisten und - tatsächlich - Lesern. Und die Veranstaltungen finden in allen Gasthäusern von Rauris statt, nicht nur im Grumming und im Platzwirt, die ich hier stellvertretend für alle nenne.

Gespräche mit Bauern oder Handwerkern bei so genannten "Störlesungen" (Stör ist ein österreichischer Ausdruck für das, was man bei uns "Walz" nennt: Wandernde Handwerker und Hausierer kamen früher auf die Bergbauernhöfe; heute, im Zeitalter der Supermärkte und der allrad-motorisierten Landbevölkerung sind es eben Dichter, die auf Hausbesuch kommen) sind denn auch das Wichtigste hier, wenn auch NICHT Teil des offiziellen Programms.

Eine solche Lesung fand sogar in 1475 m Höhe in einer zur Skihütte umgebauten Alm statt.Der Betreiber und Inhaber einer Gondelbahn bugsierte Künstler und Publikum gratis nach oben und lud dann auch noch alle zum Essen ein! Wo bitte gibt´s das sonst?

Draußen war noch echter Winter, aber auch eine Gelegenheit zum Rauchen. Drinnen war´s gemütlich nach der Definition "Gemütlichkeit ist der Mangel an Licht, Luft und Platz". Schön war´s aber trotzdem. Nur brauche ich für das Bearbeiten meiner Tonausbeute noch Zeit. Dafür werden viele schöne "Reste" bleiben, die dann in meinem Podcast auftauchen.

Erst einmal musste alles liegen bleiben, denn die nächste Dienstreise zu Recherchen stand bevor: Für ein Feature über "Die literarischen Cafés von Madrid".


Wie sehr diese Einrichtungen sich von Wiener Caféhausromantik unterscheiden, zeigen schon ein paar Fotos.

Das erste ist eine Außenaufnahme des "Circulo de Bellas Artes": ein Art-Deco-Bau mit Theater, Ausstellungsräumen, Musik- und Vortragssälen, Verlag, Radiosender, Buchhandlung und Kino.

Das Ganze ist ein direktes Erbe der Aufklärung, denn vor 200 Jahren wurde dieser Zirkel gegründet - ähnlich wie das "Ateneo" mit seiner unglaublichen Bibliothek von 500 000 Bänden, die bis auf 6 Feiertage täglich von 8 bis 24 Uhr geöffnet ist.

Das dazugehörige Programm im "Circulo" beschäftigt 140 Angestellte - ein Unternehmen in Sachen Kultur, gänzlich privat, aber staatlich bezuschusst. Im Erdgeschoss (hinter der Markise) ein Café, in dem man auch preiswert und gut essen kann.



Die besondere Attraktion im Café des "Bellas Artes" ist eine nackte Marmorschönheit mitten im Saal, die manche Gäste ganz schön vom Essen ablenkt und immer Gesprächsstoff liefert.

Damit dies hier nicht geschieht, wähle ich eine Aufnahme in der Totalen, die wenigstens den Art-Deco-Raum als Ganzes zeigt. Die Atmosphäre ist auch hier schon sehr speziell. Und in Madrids Innenstadt kann man sonst nicht für 11,50 € ein Zweigänge-Menü mit Mineralwasser und abschließendem Kaffee inklusive bekommen.

Madrid war kalt Anfang April, saukalt auf Deutsch. Deshalb habe ich jede Gelgenheit genutzt, mich aufzuwärmen, und das "Bellas Artes" wurde aus Kostengründen mein Stammlokal in dieser Woche.


Eine andere wichtige Station war das "Grán Café Gijón" - gut über 100 Jahre alt und ebenfalls ein echter Künstlertreff, aber völlig anders. Vergleichsweise eng und teuer, zieht es immer noch Literaten und Maler an, aber auch Touristen, und die verderben die Preise. Aber hier gibt es öffentlich zugängliche "Tertulias", wie man die Lese- und Diskussionszirkel von Literaten, Künstlern und überhaupt Intellektuellen in Spanien traditionell nennt. Das ist im "Café Comercial" oder im "Ateneo" weit schwieriger, weil man da erst Mitglied werden muss, um dabei sein zu können.

Um diesen Bericht nicht ausufern zu lassen, nur noch zwei Fotos:

Diele und Treppenhaus des "Ateneo", das leider total unfotogen in einer engen Altstadtgasse liegt und von außen weniger als nichts hermacht. Das "Café" ist hier eine eher lieblose Cafetería im Keller, aber preiswert - und man darf rauchen.









Das Café Comercial ist eher nüchtern, weniger pompös, aber ebenfalls über 100 Jahre alt und ein Hort der Tradition. Nur ist man hier nicht auf Schöngeister festgenagelt. Die nahe Universität mit der Juristischen Fakultät und viele Journalisten aus benachbarten Redaktionen gehen hier ein und aus. Das sorgt für Abwechslung.

Nun muss ich das alles erst einmal verarbeiten und im Falle Madrids auch übersetzen, um meine Sendungen produzieren zu können. Also bitte ich um Verständnis und Geduld: Hier wird´s vorerst nur Kleinkram geben.

Aber auch der kann ja recht kurzweilig sein und soll nicht fehlen. Von meinem zweiten PEN-Club-Treffen in Glurns gibt es nicht viel zu erzählen, es war schon nicht mehr so neun und durch bessere Kenntnis der Kollegen auch mehr privat - freundschaftlich eben. Und jetzt zerrt der Alltag mit Macht an mir.