Seiten

Montag, 16. Juli 2007

Rossini in Wildbad - wieder Belcanto satt

Bad Wildbad - so schön der Ort, so hässlich der Name. Hier hat Gioacchino Rossini einmal im Hotel Bären zwecks Kur im Thermalbad logiert und eine Oper vollendet. Hier haben auch wir wieder einmal eine gute Nacht verbracht. Davor eine Oper, danach schön essen, nach einem guten Frühstück einen Ausflug nach Bad Liebenzell und dann noch eine Oper - früh genug, um noch bei Tageslicht wieder nach Hause fahren zu können.
Durchrauscht von dem kleinen Flüsschen Enz, ist das Schwarzwaldstädtchen wirklich in einer Viertelstunde zu Fuß durchmessen. Ein bisschen Einkaufszone noch Enz-abwärts vom "Bären" aus rechter Hand, eine kleine Kurpromenade zur Linken flussaufwärts, das ist es schon. Seit sieben Jahren besuchen wir hier schon das kleine, aber feine Festival "Rossini in Wildbad" - sozusagen Belcanto zum Anfassen. Jedes Mal werden hier eine oder zwei Opern von Rossini aufgeführt: Meist kleinere Werke, die mehr oder weniger in Vergessenheit geraten sind, oder größere, die selten gespielt werden. Dazu kommen Opern von Rossini-Zeitgenossen und Konzerte. Als wir den Tipp mit Wildbad von Freunden bekamen, fand alles noch im alten Kurhaus statt. Inzwischen hat sich das geändert. Es gibt mehr Auswahl, und von Heilbronn, Pforzheim oder Karlsruhe aus ist Wildbad jetzt auch mit der Straßenbahn zu erreichen. Das bringt neues Publikum und mehr Umsatz in die Stadt, hat aber - gottseidank - bisher am Charakter des Festivals nichts geändert. Alles ist klein und überschaubar geblieben. Kein großer Rummel, Künstler zum Anfassen und billige CDs zum Einkaufen - man kann in Rossini buchstäblich baden.

Seit 2005 ist auch das historische kleine Kurtheater wieder restauriert, gleich am Fuß des Hügels an der Enz, auf dem das Kurhaus steht. Da unten passen nur 150 Besucher hinein, aber immerhin dirigieren hier Berühmtheiten wie der Rossini-Papst Alberto Zedda. Und auf der Bühne kann man Opernstars der Zukunft erleben. Wer hier singt, gehört zu den Besten aus der großen Zahl begabter Nachwuchs-Opernsänger, die aus aller Welt kommen und hier an Workshops mit den großen (natürlich italienischen) Meistern teilnehmen. Zwei Spielstätten also und überall Nähe oder Enge - wie man´s nimmt.

Das Kurhaus selbst, für uns immer noch der Kern des Festivals, fasst gerade mal 400 Leute, hat keinen Orchestergraben und eine so kleine Bühne, dass bei größeren Opern nur halbszenische Aufführungen möglich sind. Bei dem Regietheater-Unfug, der in den meisten großen Opernhäusern sonst verbreitet ist, empfinden wir das nicht als Schaden. Hier konzentrieren wir uns auf die Musik. Und der ist man wegen der Enge näher als irgendwo sonst auf der Welt. Wer in der ersten Reihe sitzt, könnte dem ersten Geiger auf die Schulter klopfen oder dem Dirigenten was flüstern, wenn er sich traut (tut man aber nicht!).

In diesem Jahr haben wir wieder Rossini satt erlebt - am ersten Tag die Farsa "La scala di seta" (Die seidene Leiter), eine knapp zweistündige Kurzoper mit nur zwei Akten, und am zweiten die neapolinanische Opera buffa "La gazzetta". Beides Verwechslungskomödien, beide typisch Rossini, beide hingebungsvoll gesungen und gespielt - aus voller Seele und ohne irgendwelchen Krampf.

In der "Scala di seta" boten Marina Zyatkova (Sopran) und Ricardo Mirabelli (Tenor) in den Hauptrollen nicht nur eine schauspielerisch reife Leistung, sondern fielen auch durch Treffsicherheit selbst in schwierigsten Passagen auf, an denen es bei Rossini niemals mangelt. Aber auch alte Bekannte konnten wir wieder erleben, wie Luisa Islam-Ali-Zade, die schon oft in Wildbad sang. Allein ich habe sie dort schon in den Rossini-Opern "Le Comte d´Ory", "Maometto secondo" und "Ciro in Babilonia" erlebt. Der absolute Rising Star dieses Jahres dürfte wohl der Tenor Michel Spyres als weltfremd verliebter Alberto in "La gazzetta" gewesen sein. Von diesem Sänger wird man sicher noch viel hören. Dieser Meinung war übrigens auch der Kritiker der "Stuttgarter Zeitung". Wildbad ist immer eine Reise wert, wenn im Juli zwei Wochen lang das Rossini-Festival lockt. Ganz nebenbei gesagt, aber nicht unwichtig: Während überall sonst die Eintrittspreise für gute Musik explodieren, ist Wildbad absolut bezahlbar geblieben. Das betrifft sowohl die Oper als auch das Hotel "Bären".
Mehr über Rossini in Wildbad auch in meinem Podcast mit Musikproben und vielen Mitwirkenden, die erklären, warum sie Wildbad so lieben.
Aktuelle Auskünfte zu Programm, Karten und Festival: www.rossini-in-wildbad.de

1 Kommentar:

Reto hat gesagt…

Hallo Herr Puhl
Danke für den schönen Bericht - er würde Lust auf Bad Wildbad machen, wenn man nicht ohnehin schon jedes Jahr hinpilgererte! Zwei Anmerkungen: Die Strassenbahn fährt in der Tat von Wildbad nach Pforzheim und Karlsruhe, nicht aber nach Heilbronn. Und Rossini war tatsächlich in Wilbad zur Kur, aber Opern hat er hier keine geschrieben - weder angefangen noch vollendet. Sein letztes Werk für die Bühne (Wilhelm Tell) lag 27 Jahre zurück.
Beste Grüsse und auf nächstes Jahr, zum 20. Festival!
Reto Müller